Berlin : Wir lernen von Madagaskar

Ein Fazit des Metropolis-Kongresses: Mehr Eigenverantwortung kann helfen

Christian van Lessen

Was kann Berlin aus dem gerade beendeten „Metropolis“-Kongress der Hauptstädte und Metropolen lernen? Zum Beispiel, „dass sich in Städten, die vor viel größeren Problemen als Berlin stehen, durch das Engagement der Bewohner viel bewegen lässt“, sagt Manuela Damianakis, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Mehr Eigeninitiative der Bewohner zu fördern, mehr auf „Kräfte vor Ort“ zu vertrauen, ist eine Botschaft des Kongresses, an dem sich Vertreter aus 114 Städten beteiligten.

„Wenn wir nicht Teil der Lösung sind, sind wir das Problem“, sagte Bürgermeister Patrick Ramiaramanana von Antananarivo, der Hauptstadt von Madagaskar. Seine Stadt erhielt einen „Metropolis“-Award, am Wochenende sprach er zum Abschluss der Weltkonferenz von der nötigen Eigenverantwortung der Bürger für das Wohl ihrer Stadtteile. In Madagaskar ging es darum, einen verwahrlosten Stadtteil vom erstickenden Verkehr weitgehend zu befreien und wieder lebenswert zu machen, wobei die Bewohner großes Mitspracherecht hatten. Die Bürgermeister der großen Städte sicherten sich zum Abschluss der Konferenz zu, voneinander zu lernen, die Lebensbedingungen in den Metropolen zu verbessern, die Städte – wie Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer formulierte – „gesünder“ zu machen. Vor allem aber soll Eigeninitiative gestärkt werden.

Teilzunehmen an einer Lösung, die zum Besseren führt – diese Empfehlung soll weltweit an die Bürger der Städte weitergegeben werden. Ohne Engagement der Bewohner ließen sich die Zukunftsprobleme der Hauptstädte und Metropolen auch angesichts knapper Kassen kaum lösen. Eine „Stiftung Zivilgesellschaftliche Mitverantwortung“ fordert auch die Enquetekommission des Abgeordnetenhauses, die bürgerschaftlichen Initiativen und Projekte helfen soll. In Berlin fällt beim Stichwort Bürger-Engagement vor allem ein Name: Der des amerikanischen Priesters Leo Penta, der seit 1999 in Oberschöneweide aktiv ist. Der Ortsteil von Köpenick ist ein Musterbeispiel dafür, wie ein Stadtteil sein industrielles Gesicht verlor, abzukippen drohte und nun vor einer neuen Aufgabe steht. Penta, Philosoph und Theologe, war 1996 aus den USA an die Katholische Fachhochschule nach Berlin gekommen, hatte hier drei Jahre später die Bürgerorganisation „Menschen verändern ihren Kiez – Organizing Oberschöneweide“ gegründet. Damals lag rund um die Wilhelminenhofstraße, an der einst die Kabelwerke Oberspree angesiedelt waren, vieles brach. Tausende Arbeitsplätze waren verloren gegangen, Wohnungen standen leer. Inzwischen hat sich das Viertel deutlich belebt, was auch der Initiative zu verdanken ist. Sie, der mittlerweile 250 Personen und 23 Organisationen angehören, wirkte erfolgreich auf Politiker ein, beispielsweise die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) auf dem ehemaligem Industriegelände anzusiedeln. Oberschöneweide, noch vor wenigen Jahren als Hinterhof Berlins verschrien, ist auf gutem Weg.

Daran hat nicht nur die Initiative „Menschen verändern ihren Kiez“, sondern auch eine andere Berliner Besonderheit ihren großen Anteil: das Quartiersmanagement. Diese Form der Bürgerbeteiligung gehört übrigens mit den Bus- und Fahrradspuren zu den Einrichtungen, mit denen Berlin bei der Metropolis-Konferenz besonders punkten konnte. Viele Städte wollen aus Berliner Erfahrungen lernen.

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