Berlin : „Wir machen nicht die Weltrevolution“

Wie der Karneval der Kulturen in den Zeiten der Leitkulturdebatte ein Straßenfest bleibt, und warum so wenige Deutsche und Türken auftreten – ein Gespräch mit der Organisatorin Anett Szabó

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Erst die Sürücüs, dann die Anschläge auf Ermyas M. und Giyasettin Sayan. Es gibt derzeit viel multikulturellen Zündstoff. Muss der Karneval der Kulturen sich da nicht politisch äußern?

Der Karneval ist politischer, als es sich auf dem Umzug oder dem Straßenfest zeigt. Viele teilnehmende Gruppen engagieren sich politisch, arbeiten mit Migranten, müssen gegen Diskriminierung kämpfen. Es gibt auch Karnevalsgruppen, die sich beim Umzug politisch äußern, beispielsweise die Iraner, die unter dem Motto „Freie Menschen gegen den Krieg“ auftreten. Der Karneval der Kulturen ist – und das wollen auch seine Akteure – eine Veranstaltung, die für die kulturelle Diversität Berlins steht.

Aber der Karneval selbst könnte sich ja auch ein politisches Motto geben.

Auf keinen Fall. Wir geben als Veranstalter weder ein politisches noch ein künstlerisches Motto vor; die Gruppen sind in ihrer Themenwahl frei.

Wie reagieren die Karnevalisten auf die fremdenfeindlichen Übergriffe?

Das ist natürlich ein Thema. Vor allem, weil sie in einer Zeit passieren, in der sich vieles zu normalisieren scheint, in der das pauschale Misstrauen, das viele Nicht- Deutsche nach dem 11. September zu spüren bekamen, sich wieder gelegt hat. In ihren Konzeptionen und Texten schreiben viele Migrantengruppen, warum sie in dieser Stadt leben und wofür sie stehen: für Multikulturalität und Toleranz.

Ist das nicht zu schwammig?

Wir veranstalten ein Straßenfest. Wir bieten ein breites Spektrum, in dem auch Migranten ihre Kultur präsentieren können. Der Karneval ist ein Ausnahmezustand, er ist nicht der Alltag. Wir machen nicht die Weltrevolution, aber Menschen, die den Karneval besucht haben, nehmen in ihren Alltag schöne Erlebnisse und ein wenig mehr Wissen darüber mit, was es alles gibt auf der Welt und in Berlin.

Ein bisschen Politik machen Sie aber doch mit den Karneval-T-Shirts, die mit Sprüchen wie „erfolgreich integriert“ oder „be part of the Leitkultur“ bedruckt sind.

Wir wollten mal wieder ein T-Shirt auflegen. Und da haben wir uns die Sprüche als ironischen Diskussionsanstoß überlegt.

Und kommen die an?

Als ich neulich mit dem Leitkultur-T-Shirt in einem türkischen Gemüseladen war, hat der Ladeninhaber sich so sehr amüsiert, dass ich meine Einkäufe nicht bezahlen musste.

Weil Leitkultur ein Witz ist?

Es ist bedauerlich, dass über solche Fragen selten in Ruhe und ausführlich diskutiert wird. Ganz schnell war Leitkultur politisch rechts angesiedelt, und Multikulti politisch links, und entsprechend reflexhaft verlief die Debatte. Dabei müsste man doch erstmal herausfinden, was man mit Leitkultur meint. Wollen wir 80 Millionen Einwohner gemeinsam eine definieren? Oder sollen sich nur die Minderheiten der Mehrheit unterordnen?

Ein weiteres Schlagwort der vergangenen Wochen waren die No-Go-Areas.

Für die dasselbe gilt wie für die Leitkultur. Sicher gibt es Gegenden, die manche Menschen abends besser meiden, es gibt auch Gegenden, die ich meide. Aber das kann man nicht in drei Sätzen besprechen. Mit No-Go-Area – Ja/Nein, bitte ankreuzen, wird man dem Thema nicht gerecht.

Die meisten Karnevalsgruppen sind musikalisch mit Südamerika verbunden, die Türken und Araber dagegen – die größten Migrantengruppen in Berlin – nehmen beim Umzug kaum teil.

Karneval hat zumindest in der Türkei keine Tradition, da ist es im Gegenteil ehrenrührig für Musiker, ohne Bühne mitten auf der Straße aufzutreten. Über die Jugendprojekte nehmen aber viele türkische und arabische Jugendliche am Karneval teil. Vor zwei Jahren hat erstmals das Konservatorium für türkische Musik mitgemacht, jetzt ist auch die türkische Musikakademie dabei. Es dauert eben manchmal, bis sich etwas ändert. Über das Straßenfest und die Bazaár-Oriental-Bühne jedoch haben viele türkische und arabische Berliner den Zugang zum Karneval der Kulturen gefunden.

Haben Sie die Türken zum Mitmachen aufgefordert?

Nein. Wir sind eine Plattform, hier kann jeder mitmachen, aber man kann nicht erwarten, dass die einzelnen Gruppen sich proportional zu ihrer Bevölkerungsstärke beteiligen.

Eine zweite große Bevölkerungsgruppe, die im Karnevalsprogramm kaum vorkommt, sind die Deutschen. Ist das nicht schade: Ein großes Kulturenfest in Berlin ohne Bayern, Schwaben, Ostfriesen?

Es gibt schon auch deutsche Folkloregruppen im Programm, die Narrenzunft oder die Guggamusiker. Auch hier gilt: Wer will, kann mitmachen. Unsere Priorität als Veranstalter gilt aber in der Tat den Migranten, weil sie mehr auf unsere Unterstützung angewiesen sind .

Was unterscheidet die Teilnehmer noch von den Nicht-Teilnehmern?

Beim Karneval der Kulturen trifft sich schon eine Elite aus außergewöhnlichen Menschen, die sich sehr bewusst mit ihrer Umwelt auseinander setzen, die sich unglaublich engagieren, um anderen Menschen etwas von sich zu zeigen. Sie sehen den Karneval als ihr Fest, das ist ihr Tag. Mit Eitelkeit hat das aber nichts zu tun. Es ist eher die Freude an der Freude der anderen. Dafür arbeiten sie Jahr um Jahr an diesem Karneval mit, reiben sich dafür förmlich auf. Das könnten sie ja auch genauso gut lassen und sich vor den Fernseher setzen.

Das Gespräch führte Ariane Bemmer

ANETT SZABÓ , 41, ist Halbungarin und seit 1996 Organisatorin des Karnevals der Kulturen in Berlin. Für diese Arbeit ist sie 2004 mit dem Landesorden ausgezeichnet worden.

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