Berlin : „Wir machen pünktlich Schluss“

Nicht alle Berliner haben heute Fußball im Kopf

Jan Oberländer

Ist es eigentlich ein Akt des Widerstands, wenn die Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus ausgerechnet heute um 19 Uhr eine Podiumsdiskussion über „Jugendszene und Systemreaktion“ mit dem Titel „Null Bock auf DDR“ veranstaltet? Sind die Grünen Fußballmuffel? Oder haben sie null Bock auf Publikum? „Nein!“, heißt es ganz erschreckt in der Pressestelle, „wir machen pünktlich Schluss!“ Die Veranstaltung sei sogar eigens eine halbe Stunde vorverlegt worden. Alice Stroever, die gastgebende Abgeordnete, ist nach eigener Aussage ein „Riesenfußballfan“, doch die Terminüberschneidung habe sie bei der Planung nicht absehen können. „Ich habe bis zum Schluss gehofft, dass Deutschland Gruppen-Erster wird, damit wir das zweite Halbfinale kriegen.“ Das hat nicht geklappt, letztlich ist die Sache aber halb so wild: Direkt im Anschluss an das Gespräch wird das EM-Halbfinale im gleichen Raum auf Großbildleinwand übertragen. Bier und Brezeln inklusive.

Auch in der Cafeteria des Veranstaltungszentrums „Urania“ am Wittenbergplatz ist „spätestens um 20 Uhr 30“ Schluss, wie ein Sprecher erklärt. Für das in Kooperation mit dem Tagesspiegel stattfindende gesundheitspolitische Podiumsgespräch zum „mündigen Patienten“ um 19 Uhr 30 habe sich schlicht kein anderer Termin gefunden. Für „Leute, die die erste Halbzeit nicht verpassen wollen“, stehe aber in der Cafeteria ein Großbildfernseher bereit.

Im Kreißsaal des St.-Joseph-Krankenhauses in Tempelhof steht kein Fernseher, auch heute Abend nicht. Und das vorhandene Radio wird eher für beruhigende Musik genutzt als für eine Live-Übertragung. Hebamme Britta Schlieper stört das nicht. Ihr Lieblingsteam Holland ist bereits ausgeschieden. Außerdem hat sie im Moment „gar keinen Fußball im Kopf“. Schließlich werden in dem Krankenhaus durchschnittlich sieben Kinder am Tag geboren. Dr. Michael Abou-Dakn, Chefarzt in der Gynäkologie, fügt hinzu, dass ohnehin auch die fußballbegeistertsten Väter während der Geburt das Interesse am Spielgeschehen verlieren. Es könne aber sein , dass die Babys – wie zur WM bereits vorgekommen – nach Fußballstars benannt würden.

Auch das Hamam „Sultan“ in der Bülowstraße ist EM-freie Zone. Das türkische Bad, in dem Männer nur zwei Tage pro Woche Zutritt haben, ist so etwas wie ein „Erholungszentrum“ für ballsportgenervte Frauen, sagt Mitarbeiterin Cosar Günay. Hauptsächlich kämen deutsche Frauen zur Massage, zum Einseifen oder zum Peeling. Dreizehn Termine seien bereits für heute Abend angesetzt, dazu kämen noch die spontanen Besuche. Eine Gruppe türkischer Mädels feiere sogar einen Polterabend.

Einen schönen Kompromiss bietet das „Hexenkessel Hoftheater“ am Monbijoupark an. Die erste Halbzeit könnten Fußballfans noch auf dem in der benachbarten „Strandbar Mitte“ bereitstehenden Flachbildschirm schauen, sagt Roger Jahnke, der künstlerische Produktionsleiter. Um 21 Uhr 30 ist dann statt eines Fußball-Sommermärchens ein vergnüglicher „Sommernachtstraum“ zu sehen. Dabei kommen auch EM-Enthusiasten auf ihre Kosten: Falls Torjubel die Open-Air-Vorstellung störe, würden die fußballbegeisterten und improvisationsfreudigen Schauspieler es verstehen, den aktuellen Spielstand an passender Stelle „in einen fünffüßigen Shakespeare’schen Jambus zu bringen.“

Wer nun aber überhaupt keine Lust auf Sport hat, könnte ins BKA am Mehringdamm gehen, um sich das Konzert des Chansonniers Tim Fischer anzuhören, der üblicherweise in Berlin „über-ausverkauft“ ist, wie eine Sprecherin erklärt. Heute allerdings sind noch um die 20 Karten übrig. Auch für „Gretchens Faust“ von Martin Wuttke im Berliner Ensemble gibt es noch Karten.Jan Oberländer

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