Berlin : „Wir müssen anders mit Panik umgehen“

Feuerwehrchef Broemme sucht nach neuen Ansätzen, um Menschen in Not zu beruhigen

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Herr Broemme, neun Menschen starben in Moabit – weil sie bei dem Treppenhausbrand in Panik geraten waren. Welche Strategien hat die Feuerwehr für solche Situationen?

Bis jetzt lautet die einzige Methode: Ich nehme ein Gigaphon und brülle zu den Leuten hoch, dass sie ruhig bleiben sollen. Das klingt eher primitiv, wird aber in anderen Städten genauso gemacht.

Ihr einziges Mittel scheint aber nicht immer zu funktionieren.

Die Methode ist störanfällig: Motoren röhren, Leute brüllen, Sirenen heulen. Und da müssen sie versuchen, mit einer Flüstertüte die Leute zu erreichen.

Die Botschaft ist in Moabit weder akustisch noch inhaltlich angekommen…

Meine Männer haben berichtet, dass sie erhebliche Kommunikationsprobleme hatten. Es gibt mentalitätsbedingte Unterschiede im Brandfall, viele Ausländer sind leichter erregbar. Sie beruhigen sich nicht dadurch, dass die Feuerwehr eintrifft und neigen manchmal zu Kurzschlussreaktionen.

Was raten Sie Ihren Männern?

Bewahrt Ruhe, diskutiert nicht, handelt entschlossen.

Feuerwehrmänner berichten von zum Teil dramatischen Szenen.

Es gab tatsächlich den extremen Fall eines Kellerbrandes, bei dem die Mutter ihren Säugling aus dem 4. Stock geworfen hat. Eine völlige Panikreaktion.

Vielleicht sollte man mal über andere Strategien als Ruhebewahren nachdenken?

Der Fall in Moabit wird Anlass sein, nach ganz neuen Ansätzen zu suchen,um anders mit Panik umzugehen und zu fragen: Gibt es Möglichkeiten, diese Menschen zu beruhigen? Wir werden Psychologen befragen, ob man beispielsweise mit Logos oder Schriftbändern arbeiten kann.

Warum hat man nicht früher über neue Strategien nachgedacht?

Es stimmt nicht, dass wir gar nichts gemacht haben. Aber grundlegende Neuerungen setzen sich leider oft erst durch, wenn ein Unglück passiert ist. Das A und O ist aber Prävention. Vor jedem Flugzeugstart wird erklärt, wie man sich bei einem Absturz zu verhalten hat, obwohl dies sehr selten vorkommt.Jeder Mensch erlebt statistisch in seinem Leben einen Brand, aber wie man sich verhalten soll, wissen die wenigsten. Das gilt für die Ausländer genauso wie für die Deutschen.

Wenn Sie eine Note für Brandschutzkenntnisse vergeben müssten…

…für den durchschnittlichen Berliner gäbe es ein Mangelhaft. Nehmen Sie das Beispiel Rauchmelder. Seit Jahren predigen wir: Rauchmelder retten Leben, die meisten Menschen ersticken im Schlaf. Und? Keine zehn Prozent der Privathaushalte sind damit ausgestattet.

Weitere Beispiele?

Im Fernsehen sieht man ständig Autos explodieren, was in Wirklichkeit nie passiert. Als Folge sind schon Menschen in ihrem Wagen verbrannt, weil die Helfer sich aus Furcht vor Explosionen nicht herangetraut haben. Ein anderes Beispiel: Die meisten glauben, das Gefährliche am Feuer seien die Flammen. Meist ist aber der hochgiftige Rauch die Hauptgefahr. Drei Atemzüge sind tödlich.

Noch etwas?

Viele Menschen glauben, dass sie sofort gerettet werden, wenn wir eintreffen. Bei einem Wohnhaus muss man Etage für Etage die Menschen finden und einzeln runtergeleiten. Es dauert einfach, bis wir im fünften Stock ankommen.

Was muss man also tun, dass sich Brände wie in Moabit nicht wiederholen?

Wir müssen die Brandschutzerziehung flächendeckend an den Schulen integrieren. Auch die Ausländer können wir am besten über die Kinder erreichen. Außerdem müssen bestimmte Bevölkerungsgruppen gezielt angesprochen werden. Wir planen eine Neuauflage eines mehrsprachigen Flyers. Beim türkischen Fernsehsender TD1 haben wir bereits mehrere Spots gemacht.

Ein Schlussstrich ist unter den Einsatz in der Ufnaustraße noch nicht gezogen.

Er wird noch ausführlich analysiert werden. Aber glauben Sie mir: Die Eindrücke und Erlebnisse aus dieser Brandnacht sind hundert Mal schlimmer als die kritischen Fragen danach. Das ist die wahre Belastung für mich und meine Kollegen.

Die Fragen stellte Katja Füchsel

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