Berlin : „Wir müssen Gysis Rückzug zur Mobilisierung nutzen“

PDS-Fraktionschef Harald Wolf sagt, dass seine Partei in den Bundestag einziehen wird. Er sagt nicht, ob er Wirtschaftssenator werden will

NAME

Herr Wolf, Sie haben gestern am Fernsehschirm Gregor Gysis Worte aus der Pressekonferenz gehört. Sie kennen ihn gut. Glauben Sie ihm, was er da gesagt hat?

Für mich steht fest, dass dieser Rücktritt rein persönliche Gründe hat. Und zwar die Gründe, wie er sie in seiner Rücktrittserklärung genannt und jetzt noch einmal erläutert hat. Alles andere ist nur der Versuch, in diesen Rücktritt etwas hineinzugeheimnissen. Offenbar können sich viele Leute nur schwer vorstellen, dass jemand eine solche moralische Entscheidung trifft. Doch diese Erklärung, das ist authentisch Gregor Gysi.

Keine Show?

Nein, keine Show.

Gysi ist nicht nur als Wirtschaftssenator zurückgetreten. Schon werden seine politischen Nachrufe geschrieben. Werden Sie ihn denn in der täglichen Arbeit vermissen?

Natürlich werde ich Gregor Gysi vermissen. Gregor Gysi ist nicht ersetzbar. Er ist eine einzigartige Persönlichkeit. Er ist aber auch ein zutiefst politischer Mensch, Ich denke, er wird – auf welche Weise auch immer – ins politische Geschehen eingreifen.

In welcher Position wollen Sie künftig in die Politik eingreifen, als Wirtschaftssenator?

Ich bin gerne Fraktionsvorsitzender. Was das Amt des Wirtschaftssenators angeht, sind wir im Moment im Prozess der Personalfindung. Zu diesem Zeitpunkt können wir uns also nicht zu n äußern, welche auch immer das sein mögen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Heißt das, Sie schließen nicht gänzlich aus, das Amt zu übernehmen – und sei es, weil sich kein anderer geeigneter Kandidat findet?

Wir sind auch nicht in der Phase, in der wir Namen dementieren.

Auch nicht die eigenen?

Auch nicht die eigenen. Sie können mir jetzt das Telefonbuch vorlesen und ich sage nichts dazu.

Schon bei der Senatsbildung im Januar hatte die PDS große Probleme, die Ämter zu besetzen. Ist die Personaldecke denn so dünn?

Im Winter sind wir sehr kurzfristig in die Situation gelangt, doch noch Koalitionsverhandlungen zu führen. Und die Ressortverteilung steht dann auch noch am Ende von Koalitionsverhandlungen. Wir hatten also nicht viel Zeit für die Besetzung der Ämter. Dafür, dass wir das erste Mal in die Regierung eingetreten sind, waren wir eigentlich erstaunlich schnell.

Was ist für Sie eigentlich die größere Schwierigkeit: qualifizierte Kandidaten zu finden, oder qualifizierte Kandidaten, die in Ost und West gleichermaßen akzeptiert werden?

Wir suchen einen Kandidaten oder eine Kandidatin für das Amt, der oder die von den wichtigen Akteuren dieser Stadt akzeptiert wird. Damit meine ich insbesondere die Industrie- und Handelskammer und die Gewerkschaften.

Gregor Gysi stand doch für den Versuch, der PDS auch im Westen Akzeptanz zu verschaffen. Gibt die PDS das jetzt auf?

Nein. Es wird eine der wesentlichen Aufgaben sein, die errungene Akzeptanz im Westen zu stabilisieren und auszubauen. Gysi stand für die Akzeptanz im Westen, zugleich war er Anwalt des Ostens. Natürlich müssen wir gerade für das Amt des Bürgermeisters jemanden finden, der diesen Brückenschlag zu verkörpern versteht. Die Überwindung der Gegensätze zwischen Ost und West ist auch eine zentrale Aufgaben dieses Senats.

Was ist nach dem Abgang von Gysi das größte Problem für Ihre Partei?

Mit Gysi haben wir, wie auch die Koalition, einen großen Kommunikator verloren. In der Form, wie er das gemacht hat, ist er nicht ersetzbar.

Ist das auch der Anfang vom Ende der PDS, wenn der populärste Sozialist sich zurückzieht?

Wir hatten nach dem Münsteraner Parteitag schon einmal eine „Periode nach Gysi“. Die Abgesänge auf die PDS waren schon geschrieben. Wir haben damals gezeigt, dass es eine PDS nach Gysi gibt. Wir leben mit den Untergangsszenarien seit Anbeginn – und wie ich finde, ziemlich gut.

Kein Zittern um den Wiedereinzug in den Bundestag?

Ich gehe davon aus, dass uns der Wiedereinzug gelingt. Aber nach Gysis Rückzug müssen wir jetzt versuchen, das für einen Mobilisierungsschub zu nutzen. Neben der Enttäuschung herrscht in der Partei zum Glück auch eine „Jetzt-erst-recht-Stimmung“.

Und wer soll dabei die PDS in Berlin repräsentieren? Die ach so ausstrahlungsstarke Bundesvorsitzende?

Wir haben einen Landesvorsitzenden, wir haben einen Landesvorstand, den Fraktionsvorstand – und jetzt auch die Senatoren. Damit stehen wir besser da als je zuvor.

Was Sie aber nicht mehr haben, ist der Medienliebling, der kleine Bürgermeister Gregor Gysi.

Die PDS hat auch schon ohne Gregor Gysi sehr gute Ergebnisse geholt. Wir haben bei den Wahlen im Jahr 1999 18 Prozent erreicht – mit dem Berliner Personal, ohne Senatoren. Die Kandidatur von Gysi hat dem Wahlkampf im vergangenen Jahr sicher noch den letzten Kick gegeben. Aber der Wahlerfolg war eine Kombination aus der Arbeit, die wir in Berlin geleistet haben und der Kandidatur von Gysi.

Die SPD jubiliert jetzt schon über die Schwächung der PDS. Der Regierende Bürgermeister, sagt etwa Parteichef Peter Strieder, werde ohne Gysi die öffentliche Wahrnehmung noch stärker bestimmen.

Das ist Theaterdonner von Peter Strieder. Aber Strieder ist Strieder. Wenn man ihn anschaut, während er so etwas sagt, muss er selbst anfangen zu grinsen.

Ohne Gysi sind Sie im Senat so stark wie mit ihm?

Nein. Natürlich müssen wir für Gysi einen Nachfolger finden, der politisches Gewicht an den Senatstisch mitbringt. Schon im Interesse der Koalitionsarithmetik. Es macht doch gar keinen Sinn, dass der eine Koalitionspartner sich auf Kosten des anderen profiliert. Ich denke, dass das allen klar ist - auch Peter Strieder. Die Probleme des Landes schultern wir nur gemeinsam. Und die Probleme der Stadt sind so groß, dass jeder die Möglichkeit hat, sich durch gute Arbeit ausreichend zu profilieren.

Sie haben keine Angst, jetzt derjenige zu sein, der durch die Talkshows tingeln muss? Das gelänge Ihnen doch nur mit einer Persönlichkeitsveränderung.

Ich bin nicht wie Gregor Gysi und habe auch nicht vor, es zu werden.

Das Gespräch führte Barbara Junge.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar