Berlin : Wir müssen nur tun

Ein Hauptstadtkongress debattierte über mehr Bürgerengagement und ruft einen „Berliner Bürgerpreis“ für vorbildliches Ehrenamt ins Leben

Sebastian Bickerich

Vielleicht lag es an der Sprache der organisierenden Werber von Scholz & Friends, vielleicht am dauernden Mäkeln über „die Politiker“, die nach Ansicht vieler zu wenig für das Land täten. Christiane Richter jedenfalls drängte es irgendwann ans Mikro. Drei Stunden hatte der Hauptstadtkongress da schon Reden gehört und diskutiert, und wäre der Tagungsort nicht das Grand-Hyatt-Hotel am Potsdamer Platz und die Zahl der dunklen Anzugträger mit goldenen Knöpfen nicht so hoch gewesen, so hätte man sich fast wie beim Gründungskongress der Grünen vor 25 Jahren in Karlsruhe gefühlt.

Christiane Richter wollte konkret werden – nach all den Expertisen über community organizer, über ein zu gründendes center for corporate citizenship und mehr summits schien der Bedarf nach einem Wörterbuch größer als das Nachdenken über konkrete Projekte. Richter macht genau das: 2001 gründete sie die Initiative, in der Senioren in die Schulen gehen, um Konflikte zu schlichten, Lebenserfahrung zu vermitteln – und selber zu lernen, „dass junge Leute sehr aufmerksam sind und gar nicht so verzogen, wie uns das Fernsehen manchmal suggeriert“. Und so erzählte sie von ihrem Projekt, schloss mit den Worten „Man muss nur tun“ – der Applaus war gewaltig.

Das war so ein kleiner Wendepunkt in einem Kongress, der kopflastig begann, an Fahrt gewann – und am Schluss konkret endete. „Bin ich hier bei der CDU?“, hatte Gesine Schwan, unlängst SPD-Kandidatin für das Bundespräsidenten-Amt, in ihrer Rede gefragt. Zuvor hatte Kongress-Initiator Johannes Bohnen, früherer CDU-Sprecher und heute Geschäftsführer von Scholz & Friends, in seiner Begrüßung für einige etwas viel gesprochen über „bürgerliche Kreise“, die sich vernetzen müssten, über das seiner Ansicht nach glänzende Beispiel New York – und etwas wenig über die demokratische Legitimation der Politik.

Gesine Schwan erinnerte die rund 900 Teilnehmer des Kongresses daran, dass bürgerschaftliches Engagement den Staat nicht ersetze, sondern ergänze. „Wir brauchen die Parlamente, denn nur sie sind demokratisch legitimiert“, sagte Schwan. Bürgerengagement sei für das Funktionieren der Demokratie gleichwohl unverzichtbar, weil es die Politik inspiriere und erst beweglich mache. Die „Naivität der Leute“ sei die größte Inspirationsquelle. Deshalb nannte sie auch das Motto des Kongresses, „Berlin neu denken“, naiv. Und meinte das als Lob.

Der Kongress beschloss, im kommenden Jahr vorbildiches Engagement mit einem „Berliner Bürgerpreis“ auszuzeichnen und seine fünf Trägernetzwerke – die „Hauptstadtunion“, die Initiative Netzwerk 21, das Bürgerkonvent, das Liberale Netzwerk und die Initiative Hauptstadt Berlin stärker zu vernetzen. Jedes der Netzwerke soll die Patenschaft über Projekte zwischen Bildung und Kultur, Politik und Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft und Medien in der Bürgerengagement übernehmen. In einer Woche soll dazu ein Arbeitsplan vorgestellt und nächstes Jahr eine erste Bilanz gezogen werden.

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