Berlin : „Wir mussten raus und weg, nur weg“

Vor 58 Jahren zitterten Menschen vor einem der größten Bombenangriffe. Nun werden Zeitzeugen aus der Schlossgegend gesucht

Lothar Heinke

„Heute feiern wir unseren 58. Geburtstag“, sagen Renate W. und Susanna Hoenischer aus Zehlendorf. In ihren Ausweisen stehen andere Geburtsdaten, aber Jahr für Jahr denken die Schwestern am 3. Februar an den Schutzengel, der seine Flügel über sie hielt, damals, an jenem kalten, klaren Sonnabend im Jahr 1945.

An diesem Berliner Schicksalstag heulten um 10.39 Uhr die Sirenen. Fliegeralarm. Über 600 Jagdflugzeuge begleiteten fast tausend viermotorige Bomber der US Air Force, die ihre Lasten, tausende Tonnen Brand- und Sprengbomben, auf die Berliner City warfen. Waren es 20 000 oder gar bis zu 25 000 Menschen, die in der Feuerhölle verbrannten oder in den Kellern verschüttet wurden? Die Berliner Innenstadt wurde zum Trümmerfeld, ihr imposantes Wahrzeichen, das Schloss, stand lodernd wie eine riesige Fackel über der Stadt.

58 Jahre später sucht (auch mit Hilfe unserer Zeitung) Forum Stadtbild Berlin e. V. Zeitzeugen und führt in einem bayerischen Bierkeller am Hackeschen Markt Berliner zusammen, die damals, nicht weit voneinander entfernt, in den Luftschutzkellern um ihr Leben zitterten. Diesen 3. Februar 1945 haben sie nie vergessen.

Die beiden Schwestern Renate und Susanna kamen mit ihrer Mutter aus Danzig und wollten gerade mit einem am Schinkelplatz wartenden Lastauto weiter nach Süden, als die Sirenen heulten. Sie gingen in den Luftschutzkeller eines Bürohauses, der bald voller Menschen war. „Dann hörten wir die Einschläge der Bomben, aber das hatten wir in Danzig so noch nie erlebt. So erzählten uns die Älteren, dass nur die eisernen Luftschutztüren zuknallen. Wir hatten Angst. Jemand reichte ein kleines Schächtelchen mit Kaffeebohnen und Kandiszucker herum, zur Beruhigung. Dann mussten wir raus, weil das Haus über uns brannte. Und gegenüber unserem Ausgang stand das Schloss in hellen Flammen“, erinnert sich Susanna Hoenischer. Das Schloss – ein Feuermeer. Hinter den leeren Fensterhöhlen wüteten die Flammen, es war „wie eine fürchterliche Festbeleuchtung“. Sturm kam auf, Feuersturm, sie wickelten sich nasse Tücher um den Kopf und erlebten das zweite Wunder: Der Lastwagen stand da und fuhr los, die Linden hoch, „und wir saßen mit dem Gesicht zum Schloss auf der Ladefläche, und dieser Eindruck von dem flammenden Kolossalbau, der immer kleiner wurde, hat sich in unser Gedächtnis gebrannt, bis heute“.

Ralph Zacharias war damals Lehrling bei einer Spedition in der Holzmarktstraße. Nach dem Angriff, bei dem die Firma zerstört wurde, erhielten die Mitarbeiter in einem halbwegs intakten Saal im Schloss eine Bleibe: „Der Brand im Schloss wütete vier Tage, und so einen Angriff wie damals vergessen Sie in hundert Jahren nicht“, sagt der 73-Jährige: „Es rummste, es wackelte, spärliches Licht im Luftschutzkeller flackerte, dann verlosch es plötzlich, und in der Dunkelheit hörte man das Beten vor allem der Frauen. Plötzlich war eine unheimliche Ruhe, wir dachten, wir hätten es überstanden, aber dann ging alles noch einmal los, die Wände schwankten, und alles war schlimmer denn je“.

Ingrid Klatt saß beim Bombardement direkt im Schloss-Keller, über sich ein Gewölbe mit zwei Meter fünfzig hohen Mauern. Sie arbeitete damals in der juristischen Abteilung des Kaiser-Wilhelm-Instituts im Schloss. „Über uns brannte es lichterloh, und wir mussten raus und weg, nur weg. Auf der Lustgartenseite stand der Dom in Flammen, brennendes Papier und Holz flog durch die Luft – wir hüllten uns in nasse Decken und liefen über den Schlüterhof zur Breiten Straße. Später waren da nur noch Schutt, Trümmer und leere Fassaden“.

Für den Vorsitzenden von Forum Stadtbild, Holger Heiken, war dies erst der Anfang bei der Suche nach Zeitzeugen mit Schloss-Erinnerungen. Wer etwas mitzuteilen hat, auch aus der Zeit nach 45, ist unter der Nummer 0175-7006068 willkommen.

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