Berlin : „Wir nehmen nicht alles“

Martina Weinland von der Stiftung Stadtmuseum über Schenkungen.

Foto: promo
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Wie wichtig sind Schenkungen?

Schon bei der Gründung des Märkischen Museums 1874 musste man auf Stiftungen und Schenkungen setzen. Aber bürgerschaftliches Engagement ist für alle Museen wichtig. Denn der Ankaufsetat – wenn man denn einen hat – ist ja nicht auskömmlich. Außerdem erzählen viele Objekte eine eigene Biografie zu der Familie, aus der sie stammen. Über diese Geschichten entwickeln wir die Geschichte unserer Stadt.

Diesem Konzept vom Geschichtenerzählen begegnet man in Museen immer öfter.

Bei den jüngeren Ausstellungsbesuchern gibt es weniger Geschichtsbewusstsein, dafür ein großes Interesse an Einzelschicksalen – und die kann man wunderbar über die Objekte von Schenkern erzählen.

Wie hoch ist Ihr Ankaufsetat?

Im Moment liegt er bei null. Das war aber auch schon anders.

Welchen Teil machen Schenkungen in Ihren Sammlungen aus?

Etwa 70 Prozent. Auch als wir noch einen Ankaufsetat hatten, überwogen die Schenkungen. Letztes Jahr hatten wir 1200 Neuzugänge, ausschließlich Schenkungen.

Sie nehmen aber nicht alles an, was Ihnen angeboten wird?

In unserem Sammlungskonzept werden die Desiderate, also die Wunschobjekte und Lücken, klar benannt. Es hat keinen Sinn, das hundertste Tellerchen aus einem Neuosier-Service der Königlichen Porzellan Manufaktur von 1770 zu bekommen. Aber wenn mir eine Jugendstil-Vase von Theodor Schmuz-Baudiss angeboten würde, die mir noch fehlt, würde ich nicht zögern.

Sind Geschenke für Museen nicht auch eine große Verpflichtung?

Wie jedes Museum sind wir den Regeln des internationalen Museumsrats (ICOM) verpflichtet: Wir sammeln, bewahren, forschen. Das sind die drei Kriterien, die dazu führen, ob ich ein Objekt annehme. Es reicht nicht, nur zu prüfen, ob dieses Objekt in das Sammlungsprofil passt. Ich muss mir auch vergegenwärtigen, in welchem Zustand es ist und ob ich es bewahren kann.

Sammlungen wachsen ständig an. Der Deutsche Museumsbund hat deshalb vor ein paar Monaten einen „Leitfaden zum Sammeln und Abgeben von Museumsgut“ vorgelegt.

Hintergrund dieser Schrift ist, dass die wenigsten Museen ein Sammlungskonzept haben. Die wenigsten machen sich klar, wo sie ihre Schwerpunkte setzen wollen.

Und Sie?

Als die Stiftung Stadtmuseum 1995 gegründet wurde, um dem Ost- und dem West-Berliner Museum ein Zuhause und eine neue Zukunft zu geben, hatten wir nicht nur Berolinensien, also Objekte zur Geschichte Berlins, im Besitz. Wir hatten auch Schwerpunkte zur jüdischen Geschichte. Daraus wuchs dann das Jüdische Museum in der Lindenstraße. Wir hatten Schwerpunkte zur Sportgeschichte. Daraus resultiert das Sportmuseum am Olympiastadion. Wenn man ein Sammlungskonzept für ein so heterogenes Museum wie ein Stadtmuseum entwickelt, muss man klar festlegen, was zum Bildungsauftrag gehört. Welche Sammlungen will man aktiv fortführen? Welche passiv? Welche werden stillgelegt? Welche würden in einem anderen Museum passender sein? Aktiv sammeln wir Grafik und Topografie, also Karten und Pläne, und vor allem Fotografie.

Immer wieder fällt in der Debatte um die Zukunft der Museen das Stichwort „Entsammeln“. Was ist damit gemeint?

Es heißt nicht: verkaufen. Das dürfen deutsche Museen nicht. Aus gutem Grund. In der Nazizeit wurden Kunstwerke in Museen beschlagnahmt, um damit Gelder zu generieren. Die Bundesrepublik hat sich bei ihrer Gründung 1949 auf die Fahnen geschrieben, dass so etwas nicht mehr passieren darf. Entsammeln bedeutet auch nicht Wegwerfen. Es bedeutet, seine Sammlung zu kennen und zu wissen, wo man damit hinwill.

Gehen Sie auch aktiv auf Sammler zu?

Wir haben für unsere 40 Sammlungen einzelne Betreuer. Die haben in ihrem Spezialgebiet ein Netzwerk aufgebaut. Sie gehen ja viel zu Fachvorträgen und halten selber welche. Zum Beispiel gibt es beim Eisenkunstguss eine ganz eingeschworene Gemeinschaft. Wenn man diese Leute gezielt anspricht und erzählt: Mir fehlt diese oder jene Brosche aus der Königlich Preußischen Eisengießerei – dann wird gleich geguckt, ob man behilflich sein kann.

Martina Weinland

ist Sammlungsdirektorin der Stiftung Stadtmuseum Berlin, zu der unter anderem das Märkische Museum und das Museumsdorf Düppel gehören. Mit ihr sprach Anna Pataczek.

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