Berlin : Wir sind Helden

Die Deutsche Musikindustrie wollte sich mit 14. Verleihung des Musikpreises Echo wieder selber feiern. Dazu hatte sie viele Stars in das Estrel-Convention Center nach Neukölln geholt

Nana Heymann

Und dann waren sie plötzlich da: Riesig, formlos und hässlich. In weißen Anzügen, mit dickem Doppelkinn, die Haare strähnig-fettig. Mit einem Mal verstummte das hochfrequente Dauerkreischen der promiberauschten Teenies am roten Teppich des Estrel Convention Centers in Neukölln. Stattdessen: Tuscheln, lästern, Rätselraten. Wer ist das denn? Wie sehen die denn aus? Ogotto gott, igittigitt.

Da, wo sich Stars wie Anastacia, Wir sind Helden, Jeanette Biedermann oder Katharina Witt für den alljährlichen Jahrmarkt der Eitelkeiten aufgestrapst, hochtoupiert, zurechtgerüscht und feingemalt hatten, machten Rammstein mal wieder das, was man von ihnen erwartetet und was sie am Besten können: Schockieren – wenn auch nur durch ihr Äußeres.

Keine Frage: Der Auftritt von Rammstein vor Beginn der Show war mit Abstand der schrägste und eigenwilligste, was dieser sonnengestärkte Frühlingsabend zu bieten hatte. Von ihnen gab es keine gefälligen Statements, kein Zahnpastalächeln für die Fotografen. Dagegen wirkten andere Künstler wie die Mitglieder eines Schulchors.

„Die Ereignisse dieser Tage, der Tod von Harald Juhnke und der Zustand des Papstes, werden die Echo-Verleihung mit Sicherheit trüben“, sagte Moderator Oliver Geißen noch kurz vor der Veranstaltung. Doch davon war zumindest beim Beginn des Abends nicht viel zu spüren. Erst mit der Nachricht vom Tod des Papstes änderte sich das. Der Sender RTL, der zeitversetzt die Gala übertragen hatte, unterbrach das Programm.

Dabei wollte die deutsche Musikbranche, nach Jahren der Talfahrt endlich wieder im leichten Auftrieb, wieder einmal ausgiebig sich selber feiern. Heiter und ausgelassen zeigten sich die Stars, plauderten bereitwillig über ihr Privatleben oder angehende Projekte.

So verriet der amerikanische Anti- Held und Indie-Musiker Adam Green, dass er zurzeit gemeinsame Sache mit Sarah Connor mache und für sie Songs schreibe. In Hinblick auf die Show hoffte er, überhaupt irgendetwas von der Veranstaltung mitzubekommen. Er könne nämlich kein einziges Wort deutsch. Einen großen Vorteil diesbezüglich hatte Sängerin Anastacia, die einen der insgesamt 25 Echos überreicht bekam. Ihr Freund, der Berliner MTV-Moderator Patrice, konnte ihr die gesamte Show nicht nur übersetzen. Er hatte sie auch im Vorfeld bereits mit den deutschen Künstlern vertraut gemacht.

Sängerin Mariah Carey, die bereits vor zwei Wochen anlässlich der „Wetten, dass...?“ Sendung in Berlin zu Gast war, machte ihrem Ruf als Diva wieder einmal alle Ehre und bog kurz vor dem roten Teppich wieder ab, um sich mit der Limousine doch lieber direkt zum Bühneneingang chauffieren zu lassen.

Judith Holofernes von Wir sind Helden stellte klar, dass sie keine Probleme mit vermeintlichen Abziehbildern ihrer Band habe. Und Smudo von den Fantastischen Vier beschwichtigte das Gerede um den derzeitigen Trend deutschsprachiger Musik mit dem Hinweis, dass es in der Musikgeschichte immer bestimmte Sinuskurven gebe. Kinderstar Joy, ebenfalls Preisträgerin, kam in Begleitung ihrer Tante, eines Krokodils und eines Kamels und freute sich wie die meisten anderen auch schon mal ganz profimäßig auf die Bühnenshow von Rammstein.

Aber auf eins wird sich das Mädchen vergeblich freuen – auf die angekündigte After-Show-Party. Da muss es ins Bett.

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