Berlin : Wir sind Spitze

Andreas Conrad

findet an Schiller diesmal kein Gefallen Fest gemauert in der Erden / Steht die Form, aus Lehm gebrannt.“ Es gab Zeiten, da hätte jeder deutsche Oberprimaner Vers für Vers weiterzitieren können, und wehe, wenn nicht! In Pisa-Zeiten sind derartige Gedächtnisübungen zu Ehren von Schillers „Glocke“ nicht mehr üblich. Allenfalls nicht rostende Pennälerlyrik macht noch die Runde: „Loch in Erde, Eisen rin, Glocke fertig, bimm bimm bimm.“ Doch trotz solchen Bildungsnotstands ist der Kern der Schillerschen Reime offenbar tiefer im Volke verwurzelt, als man gemeinhin glaubt, gerade in Berlin und Umgebung. Nur sind es eben nicht länger die Eingangsverse, die das Alltagsverhalten prägen, sondern zwei Zeilen aus dem hinteren Drittel der unsterblichen Dichtung: „Wo rohe Kräfte sinnlos walten, da kann sich kein Gebild gestalten.“ Unzweifelhaft sind es diese Kräfte, denen Berlin und Brandenburg eine herausragende Position innerhalb der Bundesländer verdanken: In deren Schlössern und Gärten toben sich die ungenutzten Energien besonders effektiv aus. Keine Form, aus Lehm gebrannt oder woraus auch immer, vermag ihnen zu widerstehen, und zur Rechten sieht man, wie zur Linken, geknickte Blümlein hernierdersinken, was Pennäler früherer Generationen flugs als Variation der Verse Ludwig Uhlands identifiziert hätten. Auch dessen Denkmal im Viktoriapark ist längst durch eine Kopie ersetzt – wegen der „rohen Kräfte“.

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