Berlin : Wir sprechen Deutsch

Die Hoover-Schule im Wedding wird heute mit dem Nationalpreis ausgezeichnet

Thomas Loy

Die Mädchen haben sich Pailettentücher über die Jeans gebunden. Ihre Hüften pulsieren im Takt der rauschhaften Musik. Der kleine Klassenraum, zur Schulstation umgewidmet, ist jetzt eine türkische Diskothek. Besonders gelungene Tanzsequenzen bejubeln die Jungs mit anschwellendem Pfeifen. Emel, türkische Berlinerin, 17 Jahre, lange braune Haare, dunkle Augen, und ihre zehnte Klasse feiern das Ende der Prüfungen.

Am heutigen Dienstag wird Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) im Französischen Dom die Schule würdigen, die das Sprechen der deutschen Sprache auf dem Schulhof vorschreibt. Der Passus in der Hausordnung hatte Anfang des Jahres einen heftigen Streit ausgelöst. Die Multikulti-Veteranen erkannten einen Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot, die Integrations-Pragmatiker lobten die Vorschrift als wegweisend. Eine Flut von Medienanfragen brach über die Schule herein, von der Lokalpresse bis Al Dschasira. Konrektor Hans-Joachim Schriefer gab TV-Interviews und hielt Gastvorträge an Universitäten. Der Nationalpreis hat eine zweite Welle des Medieninteresses ausgelöst. Aber Schriefer will sich bald wieder ganz seiner Schule widmen. Und dem Deutschunterricht.

Denn darum dreht sich alles. Deutsch wird unterrichtet, sechs Wochenstunden in jeder Klasse, vor allem Deutsch als Fremdsprache, weil 90 Prozent der Schüler aus Einwandererfamilien stammen. Sprachförderung gibt es an den meisten Schulen in Wedding, aber das Deutschsprechen einzufordern, hat sich bisher kein Kollegium getraut. Fast ein Jahr lang war das Sprachgebot in der Hausordnung festgelegt – und niemand störte sich daran. Bis die türkische Zeitung „Hürriyet“ auf die Deutschpflicht aufmerksam wurde und darin eine Diffamierung türkischer Kultur im Ausland mutmaßte.

Die Debatte wurde letztlich, so erklärt es Schriefer, von den Hoover-Schülern entschieden. Die erzählten den Reportern fast unisono, dass die Deutschpflicht eine gute Sache sei und die Debatte darüber völlig unbegreiflich. Ein Schulsprecher trat bei Sabine Christiansen auf und machte einen überzeugenden Eindruck. Die Kritiker verstummten.

„Sehr überrascht“ war das Kollegium, als die Nationalpreis-Stiftung sich meldete. Bisher wurden eher Literaten und politische Aktivisten bedacht. 75 000 Euro ist die Auszeichnung wert. Die Aula soll damit wiederhergestellt, Technik für Theateraufführungen angeschafft, eine Bibliothek eingerichtet und ein Zentrum für Elternarbeit geschaffen werden. Der Preis gebe der Schule erheblichen Aufwind, sagt Schriefer.

Auf dem Schulhof steht Ismail, 15, gegelte Haare, blauweißes Streifenshirt, eine Kette mit Silberplättchen um den Hals. Darin ist ein Koranvers eingraviert. Ismail ist Klassensprecher. Dieses Amt sei ihm zugefallen, weil er „perfekt Deutsch“ sprechen und „fließend lesen“ könne. Nur mit der Rechtschreibung hapere es. Ismail bemüht sich, Wörter wie „kommunizieren“ in die Sätze zu flechten. Die Mitschüler, die bei ihm stehen, lachen, aber sie lachen ihn nicht aus. Er sei ein „cooler Streber“, sagt Mohammed, Ismails Stellvertreter. „Streber sein ist nicht schlecht“, besser als Sitzenbleiber.

An der Hooverschule sammeln sich die Kinder, die den sozialen Aufstieg schaffen wollen, die nicht aufgegeben haben wie viele Hauptschüler. Die Mädchen seien „sehr leistungsbereit“, sagt Schriefer, aber auch die Jungen merkten, dass sie mit Machogehabe nicht weit kommen. Schriefer, ein Graubärtiger im ocker-gelb-gestreiften Hemd, unterrichtet seit 26 Jahren an der Schule. Es habe eine längere „Leidenszeit gegeben“, sagt er. Das Niveau sei merklich gesunken, zwei Kolleginnen quittierten den Dienst, weil sie die Machoposen und Provokationen der Araber und Türken nicht mehr ertrugen.

Natürlich sind mit dem Beschluss, Deutsch zu sprechen, nicht alle Probleme gelöst. Den Lehrern macht Sorgen, dass auch Realschüler kaum noch Lehrstellen bekommen. Emel wechselt jetzt auf ein Oberstufenzentrum. Ob sie besser Deutsch spricht oder Türkisch, weiß sie nicht genau. Bei ihrer Mutter ist sie sich aber sicher. „Die kann auf Deutsch nur Ja und Nein sagen.“

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