Berlin : „Wir waren glücklich über zwei Stunden Schlaf“

Schon die Geburt von Vierlingen stellt für Eltern die Welt auf den Kopf Was Mütter und Väter durchmachen, die plötzlich eine Großfamilie haben

Sandra Dassler

„Es ist wunderschön, aber keine heile Welt, sondern eher der permanente Ausnahmezustand“, sagt Andreas Kübler. Der 46-jährige Potsdamer hat sechs Kinder. Vier davon – Alexander, Franziska, Charlotte und Johanna – wurden am 3. Februar 2005 geboren. Da hatten die Küblers schon eine dreijährige und eine einjährige Tochter. Als Kübler von der Geburt der Sechslinge in der Charité hörte, hätte er deren Eltern gern angerufen und ihnen einen einzigen Rat gegeben: Nehmt jede Hilfe an, die ihr kriegen könnt!

Die ersten Wochen mit den Vierlingen, erzählt er, waren so anstrengend, dass seine Frau Josephine zusammenbrach und ins Krankenhaus musste. Vier kleine Wesen, die alle vier Stunden, auch nachts, gefüttert und gewindelt werden mussten, dazu die älteren Kinder – die Küblers kamen schlicht nicht mehr zum Schlafen.

Sie baten um Hilfe. Und bekamen sie: Das Jugendamt stellte ihnen drei Jahre lang eine Tagesmutter zur Verfügung, im ersten Jahr wechselten sich die Helferinnen rund um die Uhr ab. Verwandte betätigten sich als Babysitter, Nachbarn kochten für die Küblers mit. „Wir hatten doch keine Zeit für uns“, erzählt Andreas Kübler: „Wir waren glücklich, wenn wir den geschenkten Eintopf zwischendurch für uns aufwärmen konnten. Oder einfach mal zwei Stunden schlafen, weil unsere 80-jährige Nachbarin auf die schlummernden Vierlinge achtgab und ihnen ab und zu die Schnuller reinsteckte.“

Dass die ersten Monate und Jahre kräftezehrend bis zur Erschöpfung sind, berichten viele Eltern von Mehrlingen. Nermin Caksu beispielsweise. Die türkischstämmige Berlinerin feiert in acht Tagen den 14. Geburtstag ihrer Vierlinge. Und sie erinnert sich noch gut an die erste Zeit mit Mehmed, Sultan, Yunas und Ipek. „Es war anstrengend, aber auch schön“, sagt sie. Obwohl sie die zwei Mädchen und zwei Jungen erst nach einem Jahr aus der Klinik mit nach Hause nehmen konnte, sei es ohne die Hilfe der Verwandten nicht zu schaffen gewesen. „Am Anfang waren alle da: die Presse, die Behörden, die Politiker“, sagt Nermin Caksu. „Aber dann hat es schnell niemanden mehr interessiert, ob wir klarkommen oder nicht.“

Tatsächlich kommen nicht alle klar: Im vergangenen Jahr berichteten die Medien über das Schicksal einer Familie aus Tempelhof. Sie hatte 1999 Vierlinge bekommen und war nach einem Zusammenbruch des Vaters in Not geraten. Psychologen sagen, es sei eine enorme körperliche und seelische Belastung, für so viele Kinder gleichzeitig da zu sein, ganz zu schweigen von finanziellen Problemen.

„Wir kaufen fast alle Klamotten aus zweiter Hand“, sagt Andreas Kübler: „Nur bei Schuhen geht das natürlich nicht. Da müssen wir alle drei Monate für vier beziehungsweise sechs Kinder neue kaufen – das kostet ein Vermögen.“

Trotz allem ist der Sprecher des Bundesamtes für Bauwesen unendlich stolz auf seine Kinder. Auch wenn es ihn traurig macht, dass die Vierlinge manches entbehren mussten, was für ihre Geschwister noch selbstverständlich war: „Man kann nicht vier Kinder gleichzeitig völlig nach ihren jeweiligen Bedürfnissen versorgen“, sagt er. „Der Mensch hat nur zwei Hände, zwei Arme, meine Frau hat nur zwei Brüste. Die Großen haben wir stundenlang getröstet, wenn sie sich mal wehgetan hatten. Bei den Vierlingen muss oft ein Pusten oder Streicheln reichen.“

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