Berlin : Wir waren stark und mutig – und wollten fast alles abschaffen

Sie lernte von Dieter Kunzelmann, wie man Spektakel und Politik macht. Jetzt ist sie Ministerin. Renate Künast über die Gründung der Alternativen Liste vor 25 Jahren

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Neuköllner Hasenheide, im großen Saal der „Neuen Welt“, und alles in heller Aufregung! Damals, im Herbst 1978, lag Frühlingsstimmung in der Luft, und es kribbelte auf der Haut. Die Basis der Alternativen Liste, soeben frisch gegründet, wollte diskutierten. Es ging munter zu. Die Männer lieferten sich Schaukämpfe, schlugen verbal aufeinander ein und ich stand fassungslos da. Auch Otto Schily, heute mein Kollege Innenminister, war dabei. Leute aus den KGruppen der Moskauer und Pekinger Linie, die Anti-Atomkraftbewegung, Sozialarbeiter, Gewerkschafter, Migranten – aus allen Ecken kamen sie zur AL. Ich auch. Als Vertreterin der neuen sozialen Bewegungen, wie man heute sagen würde.

Endlich gab es eine Partei, die vorher nicht im Angebot war. Wir wollten auf neue gesellschaftliche Fragen grundsätzlich neue Antworten geben. Es gab natürlich noch einen anderen Grund, sich zusammenzufinden. Wir wollten ins Parlament, die Fünfprozenthürde überwinden und alles aufmischen. Wer da alles mitgemacht hat… Ernst Hoplitschek zum Beispiel, wer kennt den noch? Er spielte damals eine große Rolle. „Wir müssen das ganz erotisch darstellen“, hat er immer gesagt. Und nicht zu vergessen Dieter Kunzelmann, eine herausragende Figur der frühen AL. Ja, wir waren schon ein ziemlich exklusiver Verein, die Speerspitze der Bewegung, auf der Insel West-Berlin. Die Bundes-Grünen wurden erst ein Jahr später gegründet und die Beziehungen waren anfangs schwierig.

Die Demokratisierung der Gesellschaft: Das war der Alternativen Liste so wichtig wie der Umweltschutz. Abschaffung des Verfassungsschutzes, Abschaffung der Gefängnisse, wir wollten fast alles abschaffen. Was dürfen die Alliierten in Berlin? Auch das war so eine Grundsatzfrage, die bei anderen helles Entsetzen auslöste. Mit der Forderung, die NS-Opfer gerechter zu entschädigen, sind wir angeeckt. Die AL wollte überall Tabus brechen, Kartelle aufknacken. Und je mehr wir angefeindet wurden, fühlten wir uns stark, geschlossen und mutig. Das stimmte ja auch. Endlich war es gelungen, die vielen zersplitterten Grüppchen und Aktivitäten zusammen zu bringen. „Jetzt wählen wir uns selbst“, hieß es. So kam die AL ins Abgeordnetenhaus. 1979 hatte es noch nicht geklappt, aber 1981.

„Gemeinsam sind wir unerträglich“, hat der Cartoonist Gerhard Seyfried in jener Zeit gefrotzelt. Wir wollten es allen zeigen! Trotzdem war auch die AL ein Kind ihrer Zeit. Die Frauenfrage war noch ungelöst, und die männlichen Parteimitglieder riskierten eine dicke Lippe und waren deutlich in der Mehrheit. Aber dann ging es los – mit der Frauenquote. Das war anfangs eine große Mühe. Wir waren noch „am Üben dran“, wie man im Ruhrpott sagen würde, wo ich herkomme. Ich habe in der AL auch als Quotenfrau angefangen. Einige Männer haben komisch geguckt, als wir Frauen uns selbstständig machten. Der Strafvollzug war damals mein Thema, die Haftanstalt Tegel zeitweilig mein Arbeitsplatz. In der Knast-AG der AL lernte ich übrigens Kunzelmann kennen. Er hat mir eine Menge beigebracht. Wie man gute Aktionen macht und den Nerv der Leute trifft. Er war in diesen guten alten Zeiten ein brillanter Parlamentarier, er kannte jede Vorlage bis zum letzten Satz und hat den Senat mit spitzen Fragen „ gegrillt“.

Mit Wolfgang Wieland verbindet mich natürlich einiges. Er ist auch schon seit 25 Jahren dabei. Wir haben zusammen in einer Anwaltskanzlei gearbeitet, wir haben als Doppelspitze die Fraktion im Abgeordnetenhaus geführt und gemeinsam für demokratische Rechte gekämpft. Eine politische Freundschaft, die durch Höhen und Tiefen ging. Zuerst war ich noch der Nachwuchs, später haben wir gleichgezogen. Zu Hilde Schramm habe ich – obwohl ich sie selten sehe – ein herzliches Verhältnis behalten. Sie hat in Berlin viel für die Aufarbeitung der NS-Zeit getan und mir gezeigt, wie man ein Thema gründlichst bearbeitet, nicht gleich schnelle Forderungen stellt, sondern erstmal systematisch plant und Bündnispartner sucht. Wir alle, die damals aktiv waren, haben eine gute Schule durchlaufen. Das sollte meine Generation als Aufforderung verstehen, so etwas den jungen Grünen zu bieten.

Wer kennt noch Volker Schröder, unseren ehemaligen Landeskassierer? Der einzige Parteibuchhalter, den ich kenne, der auf den Händen laufen kann. Das führte er auch regelmäßig vor. Er hat übrigens 1981 den alten BMW V8 besorgt; das Auto, mit dem die frisch gewählten AL-Abgeordneten beim Rathaus Schöneberg vorfuhren. Geschmückt mit einer Igel-Standarte. In der Blütezeit der Hausbesetzerbewegung, 1980/81, rückte ich in den AL-Vorstand ein. Der „schwarze GA“ (Geschäftsführender Ausschuss) wurden wir genannt. Hörte sich doch gut an. Andere fanden uns gar nicht so gut; zum Beispiel die Alliierten, die ihre politischen Beobachter regelmäßig zu den AL-Veranstaltungen schickten. Sie fanden uns, glaube ich, einigermaßen gefährlich. Vor allem die Amerikaner und die Franzosen. Manche Parlamentskollegen sahen das ähnlich. „Sie wollen ja nur, dass die Russen kommen“, wurde ich bei einer Rede im Abgeordnetenhaus aus der CDU-Fraktion angebrüllt. Andererseits hatte ich schon früh intensive Kontakte und herzliche Dispute mit John Kornblum, dem amerikanischen Gesandten in Berlin, der nach 1990 als US-Botschafter zurückkam.

Ach ja, und die Journalisten… Für manche, die über das Frühstadium der AL berichten mussten, war es ein Abtauchen in eine andere Kultur und sie guckten indigniert auf uns junge Menschen in den selbst gestrickten Pullovern. Inzwischen sind die Grünen schicker geworden. Unsere wilden Aktionen wurden von den Medien aber gern aufgenommen. Das war mal was anderes. Manche Journalisten merkten aber auch, dass viele von uns fachlich gut waren. Wir mussten einfach besser sein als die anderen. Immer knallhart am Thema. Ans Regieren hat damals aber kein AL-Mitglied gedacht – wer hätte mit uns regieren wollen? Wir galten ja noch als Verfassungsfeinde, die Akten wurden erst im März 1989 geschlossen. Ins Parlament zu kommen war aufregend genug. Ein Traum!

Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich 25 Jahre später Bundesministerin sein werde – ich hätte es niemals geglaubt. Und ausgerechnet Landwirtschaftsministerin! Das waren doch immer große, runde Männer. In diese ferne Welt sollte Klein-Renate eindringen? Undenkbar. Aber die Gesellschaft hat sich auch durch unsere Arbeit gewandelt, ist pluralistischer geworden und die Grünen gehören unverrückbar dazu. Die AL hat diese Stadt, so wie sie heute ist, mitgeprägt. Die Partei hat sich verändert, aber eines müssen wir beibehalten: unsere Streitkultur – und immer voraus denken, Tabus brechen.

Renate Künast ist Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (aufgezeichnet von Ulrich Zawatka-Gerlach).

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