Berlin : Wir wollen alle in die Deutschlandhalle

Die Popkomm erobert mit zwei Festivals ein fast vergessenes Gebäude. Woran erinnern sich Tagesspiegel-Autoren?

Gerd Appenzeller

Weihnachtstiger. Als Kind ist mir die Deutschlandhalle ziemlich egal gewesen. Es war nur so, dass meine Eltern, beide Berliner, immer wieder aufgeregt erzählten, was dort vor dem Krieg alles stattgefunden hatte. Und so war für mich „Menschen, Tiere, Sensationen“ immer eine Chiffre für nie gesehene, geradezu unvorstellbare Abenteuer, gegen die ein normaler Zirkus stinklangweilig sein musste. Als dann die Halle 1957 mit „Menschen, Tiere, Sensationen“ wieder eröffnet wurde, mussten wir Weihnachten natürlich hin. Meine Eltern haben sich gefreut wie, ja, wie kleine Kinder. Ich habe von der ganzen Schau nichts in Erinnerung behalten – außer dieser wahnsinnigen Halle. Als wir sie betraten, verschlug es mir den Atem. Die Halle war so unglaublich groß, dass ich ihr Ende überhaupt nicht richtig erkennen konnte. Die Tiger habe ich schnell vergessen, die waren in der Deutschlandhalle auch nicht anders als in jedem Zirkus.

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Fremde in der Nach t. Frank Sinatra gewann mein Herz 1967. Wir hatten ihn mit Plattenspieler und zig Verlängerungskabeln auf die Kastanienallee unseres Dorfes geholt, um zu „Strangers in the night“ Rollschuhzu laufen – siebenjährig, in Tüllkleidern. Rund 25 Jahre später gab er sein letztes Berliner Konzert Natürlich musste ich hin. Die Deutschlandhalle war in der Mitte geteilt, die Nachfrage reichte nicht. Sein Sohn dirigierte, der Text kam vom Teleprompter, aber das Konzert war grandios. Die Frauen lagen ihm zu Füßen, die Stimme klang hinreißend wie ’67. Ich war glücklich. Susanne Vieth-Entus

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Dem Puck hinterher. „Wir wollen alle in die Deutschlandhalle“ – das sangen die Fans des Eishockey-Clubs Preußen über ein Jahrzehnt. Doch als es 2002 endlich so weit war, sorgte ausgerechnet der ungeliebte Lokalkonkurrent, dessen Fans nicht so gern in die Halle wollten, für ein volles Haus: Als der Westklub Capitals, die alten Preußen, von der – inzwischen abgerissenen Eissporthalle – umgezogen war, stieg er nach nur einer Saison und Spielen vor halb leeren Rängen in die Zweite Liga ab und meldete Konkurs an. Eine ausverkaufte Halle schafften nur die Eisbären, bei ihrem Umzug in die Deutschlandhalle. Claus Vetter

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Noch ein Tor. Es war immer leicht, ein paar Mädels aus der Klasse zu überreden, zum Hallenfußball mitzukommen. Denn in der Deutschlandhalle gab es viele Männer zu sehen, die sich vor Begeisterung ihre T-Shirts vom Leib rissen: Fans von Hertha BSC. Einmal im Jahr gastierte beim Berliner Zweitligisten der große Fußball: Der FC Bayern kam (mit Lothar Matthäus!), Leverkusen, Bochum und Spartak Moskau – so sah Mitte der 90er Jahre ein internationales Hallenturnier aus. Immer, wenn Hertha die Bayern schlug, und das kam erstaunlich oft vor, rollte die Welle durch die Halle, Tausende Menschen brüllten, sprangen auf ihre Sitze. Nur ein Mädchen aus meiner Klasse konnte sich nicht begeistern. Sie hatte ihren Physik-Hefter mitgenommen, weil sie in einer Spielpause lernen wollte. In diesem Moment tauchte Lothar Matthäus unterhalb der Kurve der Hertha-Fans auf. Die Bierbecher, die nun in seine Richtung flogen, landeten auch auf dem Physikhefter meiner Freundin. Von da an mochte sie Fußball nicht mehr. Mich auch nicht. Robert Ide

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Bühne der Kuscheltiere. Damals konnte Robbie Williams noch superenge Shorts und ein grobmaschiges Netz-Shirt tragen: 24. März 1995, das letzte von drei aufeinander folgenden Konzerten der britischen Boygroup „Take That“ in der Deutschlandhalle – natürlich ausverkauft. Oben turnten und sangen Howie, Jason, Gary, Mark und natürlich Robbie Williams, unten kreischten die Teenies und bombardierten ihre Lieblinge mit Tausenden von Kuscheltieren. Meine Freunde hatten ordentlich was zu kichern: „Kreisch, gacker, du gehst zu Take That?“ Die Band hat man natürlich nicht ernst genommen. Heute – Robbie Williams ein Superstar und der Einzige, der aus der Take-That-Riege noch im Showbiz Erfolg hat – sind sie ein bisschen neidisch, geben es aber nicht offen zu. Und sie müssen sich begnügen mit den Take-That-CDs, die sie jetzt – heimlich – gekauft haben, damit ihre Robbie-Sammlung komplett ist. Matthias Oloew

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Ladies in Rot. Die Rosensträuße flogen büschelweise auf die Bühne. Die Wunderkerzen konnten gar nicht so viele Funken sprühen, wie sie wollten, und hatten doch das Hallenrund schon in ein glitzerndes Meer feuriger Romantik getaucht. Deutschlandhalle, 11. November 1992: Chris de Burgh erzählte artig wie ein Staatsgast von seinem ersten Spaziergang durchs Brandenburger Tor. Aber das war es nicht, was all die Mädchen in roten Pullovern ausrasten ließ. Auf „Lady in Red“ hatten sie am sehnsüchtigsten gewartet. Nun sangen sie alle den Refrain, als hätten sie wochenlang geprobt, ein vieltausendstimmiger, harmonischer Chor: „I’ll never forget the way you look tonight …“ Elisabeth Binder

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Eins auf den Helm. Kühe auf Kufen? Die hat es bei „Holiday on Ice“ in der Deutschlandhalle nie gegeben, bei „Asterix on Ice“ aber schon. Beim Teutates, was für ein Abend, als der kleine Gallier am 2. Oktober 1996 zum ersten Mal durch die Halle glitt , mit dem dicken Obelix („Wo ist hier ein Dicker?“) an seiner Seite. Die Handlung arg zusammengestoppelt, die Kufenartistik durch die Kostüme sehr behindert, und Troubadix griff statt zur Leier zur Gitarre. Aber den kleinen Gästen war das ziemlich schnuppe. Hauptsache, die Römer bekamen ordentlich eins auf den Helm, und Papa finanzierte in der Pause ein Kurzschwert samt Asterix-Maske. Andreas Conrad

Mit Rotorkraft zur Decke. Ach ja, die Hanna Reitsch. Blitzmädel des „Dritten Reichs“, begeisterte Pilotin und glühende Bewunderin Hitlers. Dazu eine seiner letzten Besucherinnen im Führerbunker, wie man gerade im „Untergang“ auf der Leinwand sehen konnte. War da nicht auch mal was mit der Deutschlandhalle? Beim Nachschlagen wird man schnell fündig: Im Februar 1938 war sie in der voll besetzten Halle einige Male mit dem ersten einsatztauglichen Hubschrauber der Welt, der Focke-Wulf FW 61, aufgestiegen. Anfangs wäre das fast schief gegangen. Die Luft war so dick, dass der Motor zu stottern begann. Mit Ach und Krach brachte die Reitsch ihren Helikopter auf den Boden zurück. Andreas Conrad

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Helden auf Reifen. Das Sechstagerennen gehört für mich in die Deutschlandhalle. Ich war oft da, stets zu Zeiten, die von Zuschauerprofis verachtet werden: nachmittags. Die Rennen waren dennoch spannend, die Stimmung großartig, viele Kinder brüllten vor Vergnügen, und es war ganz egal, wie die Fahrer hießen. Krückes „Sportpalastwalzer“ klang bombastisch bei dieser Akustik. Aus Solidarität mit der Deutschlandhalle bin ich nie wieder zu einem Rennen im Velodrom gegangen. Christian van Lessen

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Ross und Reiter. Der Geruch von Pferdemist und Menschendunst im Eingangsbereich der Deutschlandhalle. Das Geräusch fallender Holzstangen, der Jubel nach jedem Ritt und immer wieder diese glitzernden Mädchenaugen, die den Pferden mehr Aufmerksamkeit schenken als den schick angezogenen Reitern. Das ist die Mischung, die das Internationale Reit- und Springturnier unterm Funkturm seit 1937 in jedem Jahr zu dem gesellschaftlichen Höhepunkt im herbstlichen Berlin machen. Doch seit April 1985, als die Halle das einzige Mal glanzvolle Kulisse für das Weltcup-Finale der Springreiter ist, verblasst der Glanz mit jedem Jahr ein wenig. Bis zum 24. November 1989. In die Eingangshalle dringt ein neuer Duft – der Geruch von Trabbis. DDR-Bürger haben freien Eintritt. Erstmals seit Jahren sind die 7800 Plätze wieder voll besetzt. Ingo Wolff

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Save the Queen. Zum letzten „Tattoo“ am 23. Oktober 1992 saß sogar die Queen in der Deutschlandhalle. Seit 1947 gehörte das britische Militärmusikspektakel zu den beliebtesten Veranstaltungen der West-Berliner. Die malerischen Aufzüge von hunderten Militärmusikern füllten die Halle stets bis auf den letzten Platz. Und wenn die „Royal Horse Artillery“ durch den Sand preschte, bebte die Halle vor Begeisterung. Heidemarie Mazuhn

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