Berlin : Wirtschaftsforscher können Berlin nichts abgewinnen

Hohe Schulden, keine Dynamik: Studie vergleicht 50 deutsche Städte und sieht die Hauptstadt auf Platz 48

Sabine Beikler,Marc Neller

Das Urteil der Wirtschaftsforscher ist wenig schmeichelhaft: Berliner haben demnach weniger Geld haben als alle anderen deutschen Städter. Ihre Stadt ist hoch verschuldet, aber wirtschaftsunfreundlich wie kaum eine zweite. Und die Verwaltung hat einen außerordentlich schlechten Ruf bei den Unternehmen. Berlin, so das Fazit, mag Hauptstadt sein, ein Wirtschaftsstandort ist es nicht, wenn man die vergangenen fünf Jahren zu Grunde legt. In Zahlen ausgedrückt heißt das Platz 48 von 50 Plätzen bundesweit, drittletzter vor Leipzig und Halle.

Zu diesem Ergebnis kommt die „Wirtschaftswoche“. In seiner heute erscheinenden Ausgabe druckt das Magazin eine Studie, die es gemeinsam mit der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ in Auftrag gegeben hatte. Die von der privaten Wirtschaft getragene Kölner Beratungsfirma IW Consult prüfte die 50 größten deutschen Städte „auf ihre Wirtschaftskraft hin“. Ausschlaggebend für die Bewertung waren die aktuelle Finanzlage der Kommune und die wirtschaftliche Entwicklung in den fünf Jahren von 1998 bis 2003, die zugleich Berechnungsgrundlage für den „Dynamik-Index“ war. Im Vergleich von Kommunalhaushalten, Gewerbesteuer-Anmeldungen, Arbeitslosenstatistiken und Umfragen unter ortsansässigen Unternehmen schneidet München am besten ab. Frankfurt am Main, Stuttgart, Mainz und Düsseldorf folgen.

„Wenn wir in den Cafés am Prenzlauer Berg nach der Lebensqualität gefragt hätten, sähe das Berliner Ergebnis ganz anders aus“, hieß es bei IW Consult. Die Erhebung berücksichtige aber „streng ökonomische Gesichtspunkte“. Die Kriterien waren: Wohlstand, Arbeitsmarkt, Standortqualität, Wirtschafts- und Sozialstruktur.

Gute Bewertungen erhielt Berlin für „seinen Versuch, Bürokratie abzubauen und Steuergelder zu sparen“, wie die Autoren der Studie dem Tagesspiegel sagten. So gebe es weniger Verwaltungsbeamte als vor fünf Jahren. Mit seinem Angebot an Kita-Plätzen belegt Berlin den siebten Platz. Die mit durchschnittlich sechs Euro je Quadratmeter günstigen Mietenfür Privatwohnungen seien allerdings nötig. Denn das durchschnittliche Einkommen der Berliner Arbeitnehmer beträgt nur 1845 Euro im Monat. In München verdient ein Beschäftigter dagegen im Durchschnitt 2423 Euro.

Berlin sei zwar ein politisches Entscheidungszentrum, in dem 46 Konzerne ihre Zentralen haben. In München sind es aber mehr als doppelt so viele, in Hamburg etwa ein Drittel mehr. Die EU-Osterweiterung werde bewirken, dass über die derzeit 18 000 Arbeitsplätze hinaus, die mit dem Export nach Osteuropa zusammenhängen, neue Stellen entstehen. Es werde mehr Gewerbeanmeldungen geben. Das werde aber nichts daran ändern, dass fast jeder fünfte Berliner arbeitslos ist. Das Urteil: zu wenig Wirtschaftskraft. Nur Bremen, das in der Gesamtrangliste den 19. Platz belegt, ist höher verschuldet. 3550 Euro Schulden pro Einwohner hat Berlin, und dazu ein Bruttoinlandsprodukt, das mit 22 736 Euro je Einwohner und Jahr zwei Drittel des von IW Consult errechneten Durchschnitts beträgt.

„Die Daten sind bekannt“, sagt Senatssprecher Michael Donnermeyer zu dem niederschmetternden Ergebnis. Einen Negativtrend gebe es, das sei nicht zu beschönigen. Allerdings sei Berlin ob seiner Geschichte in der schwierigen Lage: „Nach der Teilung zogen namhafte Firmen wie Siemens nach München um.“ Weil man zudem teilungsbedingte Sonderlasten nicht von heute auf morgen beseitigen könne, gebe es „die Prämisse in der Landespolitik, sich an die kleinen Dinge mit Hoffnungsschimmer zu halten“.

Einen wie diesen: Bei den Firmengründungen ist Berlin unter den Top Ten.

Das Prädikat „wirtschaftsunfreundlich“ kann Donnermeyer nicht nachvollziehen. „Die Firmen, die sich hier niederlassen, sind mit unserer Förderung zufrieden.“

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