Berlin : Wirtschaftsparadies im Norden

Berlins Wahlkreise – Folge 6: Reinickendorf gilt als unternehmerfreundlichster Berliner Bezirk – das wirkt anziehend

Rainer W. During

In Reinickendorf steht der frühere Bezirksbürgermeister Detlef Dzembritzki (SPD) erneut vor einer Herausforderung. Nach zwei Legislaturperioden im Bundestag muss er diesmal gegen den CDU-Abgeordneten und Kreisvorsitzenden Frank Steffel antreten, das Duell zweier Lokalmatadore. Steffel, bei der Abgeordnetenhauswahl 2001 als CDU- Spitzenkandidat gegen Klaus Wowereit gescheitert, bewirbt sich erstmals um ein Bundestagsmandat. Beide Politiker sind nicht auf den Landeslisten ihrer Parteien abgesichert.

Bereits 2002 war es knapp geworden in Reinickendorf. 0,5 Prozent oder 635 Wählerstimmen trennten Dzembritzki von seinem damaligen CDU-Gegner Roland Gewalt, der über die Landesliste in den Bundestag kam. Bei den Zweitstimmen lagen dagegen die Christdemokraten mit 38,1 Prozent klar vorn. Schon bei den Kommunalwahlen 2001 hatte Bezirksbürgermeisterin Marlies Wanjura trotz kräftiger Verluste das beste Ergebnis für die CDU in Berlins Bezirken erreicht. Alle sechs AbgeordnetenhausWahlkreise gingen damals an die Union.

Dass die Reinickendorfer Christdemokraten den bisherigen Wahlkreiskandidaten Roland Gewalt ins chancenlose Lichtenberg abgeschoben haben, ist in der Partei umstritten. Allerdings ist der Parteifreund doppelt abgesichert. Knatsch gab es um seine erfolgreiche Nominierung auf dem sechsten Listenplatz der Berliner Christdemokraten, für die Günter Nooke auf der Strecke blieb. Denn Gewalt soll ohnehin als Nachrücker ins Europaparlament wechseln, wenn CDU-Landeschef Ingo Schmitt in den Bundestag einzieht.

Was die Wählergunst angeht, gibt es deutliche regionale Unterschiede. Reinickendorf-Ost und -West, Wittenau und das Märkische Viertel sind Hochburgen der Sozialdemokraten. In Konradshöhe, Heiligensee und Frohnau hat dagegen die CDU das Sagen. Die Grünen konnten insbesondere in Alt-Tegel und Frohnau, aber auch in Heiligensee und Alt-Wittenau punkten. Die im Norden eher schwächelnde FDP erreichte 2002 in nur fünf Stimmbezirken in unterschiedlichen Ortsteilen Höchstwerte von über neun Prozent. Die PDS blieb mit zwei Prozent der Zweitstimmen bedeutungslos.

Von den 246 498 gemeldeten Einwohnern des Wahlkreises sind 17 Prozent unter 18 Jahre und 19 Prozent über 65 Jahre alt. Der Anteil der Frauen beträgt 52,2 Prozent, die Ausländerquote 8,9 Prozent. 17,9 Prozent der erwerbsfähigen Personen sind arbeitslos.

Die Industrie- und Handelskammer hat Reinickendorf zum unternehmerfreundlichsten Berliner Bezirk gekürt. Eine Bestätigung für Bürgermeisterin Wanjura, die beachtliche Erfolge bei Neuansiedlungen von Unternehmen verbuchen kann. Reinickendorf ist Berlins Rekordhalter, was Firmen mit mehr als 200 Mitarbeitern betrifft. Insgesamt sind hier weit über 9000 Unternehmen ansässig. Das Ensemble von Hallen am Borsigturm, Berliner- und Gorkistraße, Alt-Tegel sowie dem Tegel-Center bildet eines der größten Einkaufszentren Berlins.

Trotz des hohen Anteils von Industrie und Gewerbe ist Reinickendorf ein grüner Bezirk. Gut ein Drittel der Fläche besteht aus Wald, Wasser und Grünanlagen, deutlich mehr als die 27 Prozent Wohnfläche. Nach Köpenick und Spandau hat Reinickendorf die geringste Bevölkerungsdichte. Doch nicht alles ist heile Welt. Die Umgestaltung der idyllischen Greenwichpromenade nach dem Vorbild eines Ostseebades ist mangels Investoren gescheitert, auch die Bebauung der Tegeler Hafeninsel blieb bislang in der Planung stecken. Die rigide Sozialpolitik führte wiederholt zu Kritik, und die Opposition warnt davor, die Entwicklung in den Problemlagen Reinickendorf-Ost und -West sowie Borsigwalde zu unterschätzen.

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