Wirtschaftswachstum : Vom Berliner Jobwunder profitierte das Umland - vor fünf Jahren

Obwohl vor fünf Jahren viele neue Stellen geschaffen wurden, blieb die Arbeitslosigkeit hoch. Das lag auch an der wachsenden Zahl der Pendler aus Brandenburg. Was Ralf Schönball damals schrieb.

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Gute Verbindungen gibt es zwischen Berlin und dem Umland, besonders im Landkreis Oberhavel. Wer nach Berlin zur Arbeit pendelt, ist meist gut qualifiziert, und so mancher war früher Berliner.
Gute Verbindungen gibt es zwischen Berlin und dem Umland, besonders im Landkreis Oberhavel. Wer nach Berlin zur Arbeit pendelt,...Foto: IMAGO/Carola Koserowsky

Berlin boomt – doch obwohl die Wirtschaft wächst, geht die Arbeitslosigkeit kaum zurück. Schuld daran ist: Brandenburg. So ließe sich, jedenfalls mit ein wenig bösem Willen, die folgende Aussage von Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) auslegen: „Die Zahl der Menschen, die täglich nach Berlin zur Arbeit pendeln, übersteigt um mehr als 100 000 die Zahl der Pendler, die ihren Arbeitsplatz außerhalb Berlins haben.“ Einfach ausgedrückt: Die Brandenburger schnappen den Berlinern die Jobs in der Stadt weg. Gäbe es keine Pendler, wäre die Vollbeschäftigung greifbar nahe.

Natürlich hat Wolf diese Schlussfolgerung so nicht gezogen. Doch sie drängt sich auf. Ebenso wie die sich daran anschließende Frage: Muss Berlin als regionale Konjunkturlokomotive nun auch noch die schweren sozialen Lasten des wirtschaftlich schwächelnden Nachbarlandes Brandenburg schultern? „Nein“, sagt Karl Brenke, Berlin-Experte vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. „Die Zahl der nach Berlin pendelnden Bewohner des Umlands ist gemessen an den Pendlerströmen anderer Metropolen sogar noch gering in der Region.“ Während der Pendlerüberschuss nach Berlin über 140 000 Menschen betrage, liege dieser in Hamburg mit 300 000 „Einpendlern“ fast doppelt so hoch.

So gesehen ist der gemeinsame Arbeitsmarkt der Region Berlin-Brandenburg sogar noch unterentwickelt. „Da ist noch Luft nach oben“, sagt auch Karsten Schuldt. Der Wissenschaftler vom Progress-Institut für Wirtschaftsforschung hat eine Studie über die Pendlerströme verfasst. Berlin und sein Verflechtungsgebiet seien erst noch dabei, die Spätfolgen der deutschen Teilung aufzuholen. Dies allerdings zügig: In den Jahren 2005 bis 2009 stieg der Pendlerüberschuss um 20 000 Menschen, meldet das DIW.

Der Landkreis mit der höchsten Zahl von „Einpendlern“ nach Berlin ist Oberhavel. Von dort verlässt mehr als jeder zweite sozialversicherungspflichtig Beschäftigte nach dem Frühstück das Haus, um einen Arbeitsplatz in Berlin aufzusuchen. „Diese Zahl kann ich gar nicht glauben“, sagt Landrat Karl-Heinz Schröter (SPD). Andererseits, sagt der Landrat, „gehören Pendlerbewegungen zum Wesen von Metropolen“. Und die Ströme bewegten sich ja in beide Richtungen. Weil der Landkreis durch S- und Autobahn so gut mit Berlin vernetzt ist, kommen auch viele Berliner zum Arbeiten. „Bei jeder Ausschreibung unserer Verwaltung oder kommunaler Betriebe bewerben sich Berliner“, sagt Schröter.

Der Landrat verweist außerdem auf „Brandenburger“ Firmen wie den Zughersteller Bombardier, der viele Berliner beschäftige. Ebenso wie die früher in Reinickendorf ansässige Firma Francotyp-Postalia, die mit ihren Beschäftigten ins Umland zog, weil es dort Flächen gibt, um zu wachsen.

Der gemeinsame Arbeitsmarkt entlastet laut Regionalforscher Schuldt auch viele Firmen, die teilweise verzweifelt nach Spezialisten suchen: „Es wird immer schwieriger, qualifizierte Arbeitsplätze zu besetzen.“ Hightech-Firmen – ob mit Sitz im Berliner Adlershof oder im Brandenburgischen Potsdam – rekrutierten Mitarbeiter längst bundes- oder sogar weltweit. Das Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik habe Ausländerquoten von über zehn Prozent bei den Mitarbeitern, bei Rolls-Royce sei es ähnlich. „Es ist unsinnig zu erwarten, dass sich solche Firmen nur auf regionalen Arbeitsmärkten bedienen“, sagt Schuldt.

Zu den Profiteuren des gemeinsamen Arbeitsmarktes zählen übrigens Frauen: Jeder zweite Berlin-Pendler aus Brandenburg ist weiblich. In München ist es nicht einmal jeder dritte. Von den Umlandgemeinden, die von der Entwicklung profitieren, nennt Schuldt Falkensee an erster Stelle. Dessen Bevölkerung habe sich seit der Einheit fast verdreifacht. Und bis zum Jahr 2030 werde die Zahl der Bewohner von heute 4 0 000 auf 55 000 steigen. Falkensee ist im Nordwesten ähnlich wie Kleinmachnow im Süden eine Art grüner Vorhof der Hauptstadt: Hier kaufen oder mieten viele Berliner Arbeitnehmer eine Immobilie, die zuvor Jahrzehnte in der Stadt gelebt haben. Viele Pendler sind also gar keine echten Brandenburger.

Laut DIW-Experte Brenke müssten die Pendler sogar noch größeren Anteil an der Berliner Wirtschaftsleistung haben: Rund 20 Prozent sind es zurzeit, in München dagegen fast 40 Prozent. Dass sie überhaupt zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden sind, liegt an ihrer größtenteils guten Qualifizierung. Bei genauer Betrachtungen nehmen die Pendler also nicht wirklich vielen Berlinern die Jobs weg – zahlen aber in Brandenburg ihre Steuern. „Ein großer Teil der Berliner Arbeitslosen haben keine Berufsausbildung“, sagt DIW-Experte Brenke. Für diese Menschen sei es schwer, eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu finden. So gesehen sei der Arbeitsmarkt gespalten. Denn das kleine Berliner Jobwunder schaffe vor allem qualifizierte Beschäftigung.

Der Beitrag erscheint in unserer Rubrik "Vor fünf Jahren"

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