Berlin : Wirtschaftswunder ohne Happy End

Im Technikmuseum erzählt eine Ausstellung vom Aufstieg und Niedergang der Telefunken – und die Geschichte ihrer Pioniertaten

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Manchmal wird Jürgen Graaff gefragt: Telefunken, gibt’s die denn noch? Er hat fast sein ganzes Leben bei dem Unternehmen gearbeitet, und als er in den 60er Jahren anfing, war die Marke bekannt wie Siemens und Sony. Für Graaff (64) ist es eine Genugtuung, dass heute im Technikmuseum die Ausstellung „Der Stern von Telefunken – Geschichte einer Weltfirma“ öffnet. Graaffs Karriere endete vor ein paar Jahren damit, dass er beim letzten großen TelefunkenWerk Berlins die Türen hinter sich abschloss.

Angefangen hat alles vor 101 Jahren, als Siemens und AEG sich zur Telefunken zusammenschlossen. Es war die Zeit, als Forscher entdeckten, dass Daten nicht nur per Kabel, sondern auch durch die Luft übermittelt werden können – eine technische Revolution, die Telefunken und andere Unternehmen vorantrieben: mit der Entwicklung von Morse- und Sprechfunk, Radio und Fernsehen, Radar und Mobilfunk.

Als Jürgen Graaff 1961 bei Telefunken anfing, hatte das Unternehmen seine besten Zeiten schon hinter sich: In den 20er und 30er Jahren versorgte die Firma Millionen Deutsche mit Rundfunkempfängern. Auch die Fernsehtechnologie wurde bei Telefunken schon in den 20er Jahren entwickelt – und auf der Berliner Funkausstellung präsentiert. Die Ausstellung zeigt zum Beispiel ein Modell von 1936, einen großen Holzwürfel mit winzigem Bildschirm. Auch der erste Farbfernseher der Welt von 1967 ist zu sehen.

Die Ausstellung macht deutlich, auf wie vielen Feldern sich die Firma über die Jahrzehnte bewegte. Von der Moabiter Sickingstraße, wo Jürgen Graaff arbeitete, wurden Großsender für Radio- und Fernsehübertragung in die ganze Welt geliefert. Andere Bereiche wurden dagegen nach dem Krieg zunehmend nach West-Deutschland verlagert. Die Produktion für militärische Zwecke – ein wichtiger Zweig des Konzerns – hatten die Siegermächte für Berlin verboten. Und offenbar fehlte auch das Vertrauen, dass West-Berlin den Kalten Krieg schadlos übersteht.

1966 endete die Geschichte von Telefunken als selbstständiges Unternehmen, die Firma ging im AEG-Konzern auf. Für Jürgen Graaff, der später zum Geschäftsführer aufstieg, begann der Kampf um die Marke. Als auf Telefunken-Produkten der Name „AEG- Olympia“ prangen sollte, leistete er passiven Widerstand: „Das machten unsere Kunden nicht mit. Stellen Sie sich vor, Sie kaufen einen BMW und da steht Toyota drauf.“

1985 wurde die AEG von Daimler-Benz gekauft, doch die Sanierung gelang nicht. 30 000 Arbeitsplätze gingen seit den 70er Jahren in Berlin verloren. Als Graaff „sein“ Werk abwickelte, konnte er mit dem Konkursverwalter erreichen, dass 44 Mitarbeiter ihre Abfindungen einbrachten und die „Telefunken Sendertechnik“ in Spandau neu gründeten – ein kleiner mittelständischer Betrieb als Erbe des Weltkonzerns. Volker Eckert

Die Ausstellung ist bis zum 28. November im Technikmuseum, Trebbiner Straße 9, in Kreuzberg, Di. bis Fr. von 9 bis 17.30 Uhr und Sa./So. von 10 bis 18 Uhr zu sehen.

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