Berlin : Wirtschaftswunder

Frank Jansen

Es ist an der Zeit, von einem betagten Zwist zu künden. 1995 hatte der drinking man beschlossen, das „Wirtschaftswunder“ in der Yorckstraße zu meiden. Nicht wegen schlechter Drinks, unfreundlicher Bedienung oder unverschämter Preise. Nur eines nervte: der Betreiber dieses Lokals meinte, französische Waren boykottieren zu müssen. Weil die Regierung der grande nation auf dem Mururoa-Atoll Atomtests veranstaltet hatte. Der drinking man hegt selbstverständlich keinerlei Sympathie für nukleare Kraftmeierei. Doch der Boykott französischer Schnäpse und Liköre durch ein weltpolitisch eher peripheres Lokal erschien so albern wie penetrant.

Nun begab es sich, dass im nahen Kino ein netter Film lief und die compañera hinterher etwas trinken wollte. Mit leichter Häme schlug sie vor, im Wirtschaftswunder nach französischen Spirituosen zu schauen. Das Ergebnis war wenig überraschend. Natürlich gibt es wieder Pastis, Cognac, Calvados und Cassissée-Likör. Der Betreiber des Wirtschaftswunders ist immer noch derselbe, aber offenbar hat sich seine Frankophobie verflüchtigt. Das gilt allerdings auch ein wenig für den früheren Charme des Lokals. Jetzt dominiert Alt-Kreuzberger Schmuddelniveau.

Die Tütenlampenständer und die Wurlitzer Jukebox stauben dunkel vor sich hin. Das große Ludwig-Erhard-Gemälde (mit kolossaler Zigarre) hängt versteckt in einer Ecke und nicht mehr überm Billardtisch. Dort leuchtet nun riesig das Vampir-Logo von Bacardi. Der Tresen ist noch der alte, bananenförmige Raumteiler. Die Karte war fleckig, die Tischplatte klebrig. Drinking man und compañera überlegten, ob sie wirklich etwas bestellen wollten. Und blieben dann doch.

Das Resultat überraschte. Der Mai Tai kam ohne jede Deko, schmeckte aber einwandfrei. Das galt auch für den Caipiroska. Den vom drinking man gewünschten Mojito gab es nicht – die Servierdame bedauerte das Fehlen frischer Minze. Genug getestet. Bei den anderen auf der Karte genannten Drinks war ja auch kaum mehr als korrekter Rohmix zu erwarten.

Renovieren täte dem Wirtschaftswunder gut. Und dann mal eine französische Woche, mit viel Calvados und Cognac und Cassissée!

Wirtschaftswunder, Yorckstr. 81, Kreuzberg, Tel.: 786 99 99, täglich ab 16 Uhr

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar