Berlin : Wissenschaftler forschen nach dem Grund fürs Scheitern

An Berlins Hochschulen herrscht große Enttäuschung Manche Experten geben dem Senat eine Mitschuld

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Eine „Watsche für ganz Berlin“ sei das Ergebnis im Elitewettbewerb der deutschen Universitäten: Ingolf Hertel, der Sprecher der Forschungsinstitute im Adlershofer Wissenschaftspark, ist über das Abschneiden der Hauptstadt-Universitäten in der ersten Runde des Elitewettbewerbs schwer enttäuscht. Ihn schmerzt nicht nur, dass die Freie Universität im Kampf um den Elitestatus erfolglos war und Berlin erst einmal keine Eliteuni haben wird. Er ist wie viele andere Forscher enttäuscht, dass die Hauptstadt auch bei der Vergabe in den beiden anderen Wettbewerbsdisziplinen schwach abschnitt.

Kein einziges der mit 6,5 Millionen Euro pro Jahr dotierten großen Forschungsvorhaben, der sogenannten Exzellenzcluster, ging nach Berlin. Auch Hertel, der unter der Regie der Humboldt-Uni in Adlershof ein Cluster in den Materialwissenschaften im Rennen hatte, fiel durch – wie die anderen drei Anträge aus Berlin. Die Münchner Unis brachten dagegen fünf große Forschungsprojekte durch. Lediglich drei Doktorandenschulen konnten die Berliner Unis erringen. Die Schulen sind mit einer Million Euro im Jahr die am geringsten geförderten Vorhaben.

Die Enttäuschung ist umso größer, weil die Hauptstadt in der Wissenschaft eigentlich stark ist. Vor allem die FU und die HU landen in vielen Forschungsrankings weit vorne. Laut der Deutschen Forschungsgemeinschaft werben Berliner Wissenschaftler insgesamt sogar mehr Forschungsgelder ein als Münchner. „Berlin hat sich im Elitewettbewerb unter Wert verkauft“, sagt Jürgen Mlynek, der ehemalige Präsident der Humboldt-Universität und jetzige Chef der Helmholtz-Gemeinschaft, unter deren Dach die größten deutschen Forschungsinstitute vereint sind.

Gab es zu schlechte Kontakte der Berliner Forscher zur Wirtschaft? Die Wirtschaftsnähe gilt als ein Erfolgskriterium im Wettbewerb. Nein, sagt Mlynek – gerade Adlershof sei prädestiniert für den Erfolg. Hier kooperiere die Wissenschaft mit vielen Firmen, auch der Antrag von Adlershof basierte auf der engen Zusammenarbeit der Wissenschaftler mit den Unternehmern.

Die „zehnjährige Schrumpfungspolitik“ des Senats in der Wissenschaft sei mitverantwortlich für das schwache Abschneiden, sagt Ingolf Hertel. Wissenschaft und Politik müssten sich jetzt zusammensetzen und für eine „neue Aufbruchstimmung“ sorgen. Berlin müsse sich „auf seine Stärken konzentrieren“.

Die Berliner Hochschulen seien finanziell benachteiligt, sagt auch Kurt Kutzler, der TU-Präsident: „Aufgrund des ökonomischen Nord-Süd-Gefälles sind Bayern und Baden-Württemberg gut ausgestattet. Diese Länder haben einfach mehr Geld.“

Zudem war die Konkurrenz im Wettbewerb enorm. Ursprünglich wurden bundesweit Anträge für 157 Cluster eingereicht, letztlich wurden nur 18 genommen. Das heiße nicht, dass alle übrigen Anträge nichts getaugt hätten, sagt ein Wissenschaftler, der in der Schlusskommission saß: „Es waren deutlich mehr hervorragend als diese 18.“ Doch der finanzielle Rahmen ist begrenzt, nicht jedes würdige Projekt kann tatsächlich gefördert werden.

In der Endrunde ruhten Berlins Hoffnungen vor allem auf dem Cluster der Chemiker an der TU. Dieses Projekt gehörte zu den umstrittenen Fällen, über die die Wissenschaftler in der Jury eigentlich mit den Politikern diskutieren sollten. Das wollten die Wissenschaftler aber nicht. Sie konfrontierten die Politiker mit ihrer getroffenen Entscheidung. Wissenschaftssenator Thomas Flierl (Linkspartei) meint, das Verfahren habe Berlin deshalb geschadet und müsse in der zweiten Runde, über die der Vorentscheid im Januar fällt, geändert werden.

„Mir waren die Kriterien für die Auswahl unklar,“ sagte Reinhard Schomäcker nach der Entscheidung. Schomäcker arbeitet am TU-Chemie-Cluster. Er war besonders enttäuscht, weil ihm im Vorfeld Hoffnungen auf eine Förderung gemacht worden seien: „Aufgrund des Feedbacks der Gutachter und aus Wissenschaftskreisen hätte mindestens eins der beiden TU-Cluster bewilligt werden müssen.“

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