Berlin : Wladimir Gall: Umgeschrieben wird nichts

Rainer W. During

Zur Vorstellung der Neuauflage seines Buches erscheint er verspätet. Er habe im Stau gesteckt, entschuldigt sich Wladimir Gall und sagt dann: "1945 bin ich schneller ans Tor der Zitadelle gelangt". Damals trug er noch die Uniform eines Hauptmanns der Roten Armee und handelte mit den Wehrmachts-Kommandanten die kampflose Übergabe der Festung aus. Heute ist der Mann, der so die Zitadelle bei Kriegsende vor der Zerstörung bewahrte, hier ein gern gesehener Stammgast.

Das Begrüßungskomitee, angeführt von Kulturstadtrat Gerhard Hanke (CDU) und Ex-Bürgermeister Sigurd Hauff (SPD), winkt ihm vom Balkon des Kommandantenhauses hoch über dem Eingang zu. Bei seinem ersten Besuch vor 55 Jahren musste sich der Russe hier an einer Strickleiter emporhangeln. Nach dem Krieg war der Pensionär, der in der Heimat als Deutschlehrer gearbeitet hatte, erstmals 1985 wieder hier. Zuvor hatte ihn die Sowjetmacht zwar als Vorzeige-Veteranen regelmäßig in die DDR reisen lassen. Der Abstecher nach West-Berlin war ihm jedoch verweigert worden, wegen seiner jüdischen Herkunft, wie Gall behauptet.

1945 gehörte der 26-jährige Offizier zu einer Propagandaeinheit, die versuchte, die Wehrmachtsangehörigen per Lautsprecherwagen zur Aufgabe zu überreden. Davon ließ sich die Besatzung der Zitadelle, auf die sich auch viele Zivilisten geflüchtet hatten, trotz aussichtsloser Lage jedoch wenig beeindrucken. Um ein Blutvergießen zu verhindern, wagten sich der Hauptmann und sein Vorgesetzter, selbst um ihr Leben fürchtend, auf die Festung und konnten die Deutschen zur Kapitulation überreden.

Zum 50. Jahrestag seines Parlamentärseinsatzes konnte der Russe 1995 auf der Zitadelle Zeitzeugen wiedertreffen und durfte zwei Wochen auf der Festung wohnen. Doch erst jetzt ist es ihm gelungen, eine Neuauflage seiner Erinnerungen zu veröffentlichen, die erstmals 1988 als "Mein Weg nach Halle" im Militärverlag der DDR erschienen. Was damals die Zensur strich, hat der 82-Jährige wieder eingefügt und das jetzt "Moskau - Spandau - Halle" betitelte Werk (GBB-Verlag, 25 Mark) um ein Neuzeit-Kapitel ergänzt. Obwohl er nach der Wende viele seiner Ansichten geändert hat, verzichtete er auf eine umfangreiche Überarbeitung. Gall will das Erlebte mit den Worten von damals schildern, um den Lesern "meine Haltung und meine Empfindungen in diesen schweren Jahren" nahe zu bringen. Geschrieben hat er das Buch in Deutsch. An eine russische Übersetzung ist nicht gedacht, denn "der Prophet gilt nichts im eigenen Land".

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben