WM-Quartier in Berlin-Grunewald : Wohnen wie die Weltmeister

Es soll ihnen an nichts mangeln: Das Schlosshotel im Grunewald bietet Klinsmanns Spielern jeden Luxus

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Glaubt man all den Gerüchten, dann wird es eine ganz wunderbare Fußball-WM für Paparazzi. Kein Baum und keine Hecke stört sie bei der Arbeit, die Linse ihrer Fotoapparate können sie direkt auf die Sommerterrasse des Schlosshotels richten. Klick, klick, klick!

Diese Gerüchte kennt sie, sagt die Marketingchefin des Schlosshotels, Cornelia Stein. Sie steht im Garten des Hauses, der Rasen ist frisch gestutzt. Frage: Ist es die leer stehende Wohnung dort drüben, die im zweiten Stock? Oder die rechts im Neubau? „Wir befestigen zur WM einen Sichtschutz“, antwortet Stein und lächelt etwas gequält. Sie weiß doch: So hoch kann kein Sichtschutz sein, um professionelle Paparazzi von der Arbeit abzuhalten.

Ein Mittag in Berlin-Grunewald, Villengegend, nahe Roseneck. Das Schlosshotel steht in der Brahmsstraße 10. Bis Montag, 15 Uhr, werden die deutschen Nationalspieler einchecken. Früher sagte man „Mannschaftshotel“, heute heißt es „Team Base Camp“. Während der WM werden hier die deutschen Spieler wohnen. Im günstigsten Fall fast fünf Wochen, bis 9. Juli, dann ist Finale in Berlin.

Ein geschnitzter Löwe aus dunklem Holz thront in der Lobby neben der Flügeltür, aus den Lautsprechern ertönt Chill- Musik. 54 Zimmer hat das Haus, erzählt Uta Felgner, die Chefin des Hauses. Jedes ist bestückt mit einer teuren Stereoanlage von „Bang und Olufsen“. Die Betten sind etwas kitschig mit Goldrahmen verziert und übersät mit Kopfkissen. Playstation müssen die Spieler selbst mitbringen; Porno-Pay-TV gibt es nicht.

Die Zimmer sind für die Presse tabu, sagt Felgner. „Das ist mit dem DFB abgesprochen.“ Woher soll sie auch wissen, dass just an diesem Tag nur wenige Stunden später ein Boulevard-Reporter unter falschem Namen im Hotel einchecken wird? Weil der DFB angeblich eine „Blacklist“ an die Rezeption gefaxt hat, mit den Namen der Reporter, die immer mit der Nationalmannschaft herumreisen.

Das Schlosshotel hat gewisse Vorzüge, und damit ist nicht all der Luxus gemeint. Natürlich liest es sich sehr schön, wenn in der Speisekarte steht: „Essenz vom Linumer Milchkalb, mit Zunge, Bries und gepökelter Backe“. Allerdings sind 21 Euro für ein Süppchen schon ein hübscher Preis. Oder der Kaffee: 19 Euro das Kännchen. Es war etwas Banales, das für das Hotel sprach: die Ruhe von Grunewald.

Die Brahmsstraße wird von Polizisten bewacht. 30 Ordner der Firma „Securitas“ sichern das Hotel, hinein kommt man nur mit einem speziellen Ausweis. Und: Das Hotel ist komplett gebucht, kein Hotelgast kann nach Abpfiff in Bierlaune ein Pläuschchen mit Lukas Podolski oder Oliver Kahn anfangen.

„Wir stellen den Spielern vier Wochen quasi ihr neues Zuhause“, sagt Hotelchefin Felgner, „und da will man seine Ruhe haben.“ Deshalb darf keiner der Angestellten nach Autogrammen fragen oder ein Bild fürs private Album knippsen.

Im Schlosshotel kennt man sich aus mit Prominenz: Als erster Gast hat sich 1914 der letzte deutsche Kaiser eingetragen, Wilhelm II. Später wohnten auch Robert Kennedy dort und Sir Peter Ustinov. Als Charles und Camilla vor gut einem Jahr geheiratet haben, richtete Sat1 im „Schlosshotel Grunewald“ ein Fernsehstudio ein und ließ Roger Moore vorfahren. „Bei uns wohnen aber auch junge Manager“, sagt Uta Felgner, fast verteidigend. „Der Ku’damm liegt ja nicht weit entfernt“.

Doch auch mit Fußballern kennen sich die vielen jungen Angestellten aus. Bis 1984 gehörte es dem Gastronom Wolfgang Gerhus, bei der Fußball-WM 1974 wohnte dort die Nationalmannschaft von Australien. Als Gerhus starb, stand das Haus erst einmal leer, wurde 1991 von wohlhabenden Berliner Familien gekauft und für 30 Millionen Mark renoviert. Nach den Vorstellungen von Karl Lagerfeld übrigens.

Nur: Kann sich ein Nationalspieler wie Bastian Schweinsteiger, 21, dort wohlfühlen? Entspannt in Adiletten und Badehose zum Frühstücksbuffet schlurfen, vorbei an edelsten Hölzern und auf schweren Teppichen? Die Gäste sind junge Typen, die Sport treiben, Geld haben, viel rumalbern und ständig in Männerrunden unterwegs sind.

„Sie können im Grunewald spazieren gehen“, sagt Hotelchefin Felgner, „oder sie können um die Ecke gehen, ins ’Wiener Caféhaus’“. Bei Hertha BSC nennen sie das übrigens scherzhaft „Witwen- Café“, weil in den Filialen immer so viele ältere Damen allein Kuchen essen.

Die Kaisersuite im Schlosshotel, mit 3000 Euro pro Nacht das teuerste Zimmer, bleibt leer. Jeder Spieler bekommt ein Einzelzimmer. Busfahrer und Masseure wohnen im Neubau nebenan. Natürlich bringt der große Tross auch einen eigenen Koch mit, „wir werden uns eng absprechen“, sagt Jörg Behrend, der Küchenchef im Schlosshotel. Nudeln, Fisch, leichte Kost wird gefragt sein, weniger die ganz exklusiven Dinge. „Keine Sorge“, sagt Behrend. „Ein Rührei bekomme ich auch noch hin.“ Er lächelt.

Es geht um hochtalentierte Sportler und nicht um Staatspräsidenten oder gar Kaiser (Franz Beckenauer übrigens wohnt im „Adlon“ am Pariser Platz). Deshalb können die Nationalspieler es auch verkraften, dass der Pool nur 15 Meter lang und der 23-Mann-Kader nicht gleichzeitig planschen kann. Der Trainingsplatz – das Mommsenstadion – ist über ein paar Schleichwege in fünf Minuten zu erreichen. Die Kraftgeräte stehen in einer Halle auf dem Gelände des noblen Tennisclubs 1899 Blau-Weiss, nur 500 Meter Fußweg entfernt.

Und wenn einer der Fußballer in diesen gut vier Wochen doch einmal Lust verspürt, einfach einen Cheeseburger zu essen, dann lässt er sich mit dem Taxi zu „McDonald’s“ in die Clayallee fahren. Oder er fragt die Paparazzi. Die können die Tüte ja schnell und heimlich über den Zaun in den Garten werfen. Man kennt sich schließlich.

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