• WM-Ziel 2006: Ein Wunder auf dem Arbeitsmarkt Das Fußball-Turnier soll 10000 zusätzliche Stellen

Berlin : WM-Ziel 2006: Ein Wunder auf dem Arbeitsmarkt Das Fußball-Turnier soll 10000 zusätzliche Stellen

in Berlin bringen – einige davon auf Dauer

Marc Neller

Die Vision klang schön, die die beiden Herren in den Raum stellten: Die Fußballweltmeisterschaft im kommenden Jahr wird einen Teil der Arbeitsmarktmisere lindern. Bundesweit rund 50000 zusätzliche Arbeitsplätze kündigten Heinrich Alt, Vizepräsident der Bundesagentur für Arbeit (BA), und Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), zu Beginn vergangener Woche in Nürnberg an. „Bis zu 20000“ dieser zusätzlichen Stellen, so Alt, würden „dauerhaft bleiben“. Und Zwanziger sekundierte: Berlin werde neben München den größten Bedarf haben.

Die Berliner Industrie- und Handelskammer erwartet immerhin 10000 zusätzliche Stellen in der Stadt. Und die WM-Partner und Sponsoren bestätigen zumindest, dass es vorübergehend großen Bedarf an zusätzlichem Personal gibt. In Berlin, so heißt es bei den Firmen, soll alles besonders gut laufen. Das mediale Interesse sei besonders auf die Hauptstadt gerichtet.

Der Automobilhersteller Hyundai zum Beispiel, einer der WM-Hauptsponsoren, will nach Angaben von Unternehmenssprecherin Sewilay Der in Berlin „vorübergehend über hundert Mitarbeiter einstellen“. Berliner sollen es sein – weil so keine Kosten für Unterkunft anfallen. Sie sollen vor allem in den Fanparks Werbeflugblätter verteilen und die Fans zu Gewinnspielen oder Testfahrten bei den Berliner Vertragshändlern animieren. „Die Planungen laufen aber noch“, sagt Frau Der. „Es kann sein, dass wir noch ein paar Kräfte mehr brauchen.“

Coca-Cola dagegen hat seinen Personalbedarf für die WM schon vor einiger Zeit gedeckt. Für den Getränkehersteller ist seit Herbst vergangenen Jahres ein WM-Team mit 300 Mitarbeitern im Einsatz. Dessen Aufgaben reichen von der Planung bis zum Service im Stadion. „Allerdings“, sagt Firmensprecherin Claudia Fasse, „war ein Teil dieser Mitarbeiter ohnehin schon bei uns angestellt.“ Viele weitere neue Jobs werde es nicht geben: „In den Spitzenzeiten werden wir noch ein paar Hostessen oder Catering-Firmen brauchen.“

Einige Firmen, die noch auf den Zuschlag der Organisatoren für die offizielle Bewirtschaftung oder den Sicherheitsdienst im Olympiastadion hoffen, melden für den Ernstfall ebenfalls schon mal Personalbedarf an.

Auch die Hotels und Gaststätten rechnen mit einem lukrativen Zusatzgeschäft – und wollen dementsprechend Bedienungen, Kellner oder zusätzlichen Zimmerservice einstellen. Wie groß der Bedarf sein wird, vermag der Hotel- und Gaststättenverband allerdings derzeit nicht zu sagen. „Der WM-Monat wird sicher eine Extremsituation“, sagt eine Sprecherin. Dahinter steht die Vermutung, dass sich viele Fans Berlin als WM-Hauptquartier aussuchen werden. Die sechs Berliner Partien sind gleichmäßig über die vier Turnierwochen vom 9. Juni bis zum Finale am 9. Juli im Olympiastadion verteilt. Zudem sind die Spielorte Hamburg, Hannover und Leipzig mit dem Zug von Berlin in weniger als zwei Stunden zu erreichen. „Wir rechnen während der WM mit 150000 zusätzlichen Gästen allein aus dem Ausland“, sagt deshalb IHK-Präsident Eric Schweitzer.

Und trotzdem warnt der WM-Beauftragte der IHK, Daniel Fiebig, vor überzogenen Erwartungen: „Die Zahlen, die die Arbeitsagentur und der DFB genannt haben, fußen auf einer Prognose, die noch von einigen Eventualitäten abhängt.“ Was die WM für den Arbeitsmarkt tatsächlich bedeute, könne derzeit niemand sagen. Fiebig verweist auf eine andere Studie, die von etwa 40000 neuen Stellen deutschlandweit ausgeht. Sicher, so Fiebig, sei bisher nur, dass die WM „ein schöner Impuls“ für die Wirtschaft sein werde.

Fraglich ist jedoch, ob der Impuls so stark ist, dass gut die Hälfte der geschaffenen Stellen über die WM hinaus bestehen bleiben werden – wie von BA und DFB vorausgesagt. Die meisten Firmen sind da skeptisch. „Wir werden von den zusätzlichen Stellen über die WM hinaus kaum welche erhalten“, sagt Coca-Cola- Sprecherin Fasse. Auch Hyundai-Sprecherin Der sagt: „Ich halte diese Schätzung für sehr optimistisch.“

Ein Teil der Berliner scheint nicht auf neue Stellen warten zu wollen. Sie versuchen ein eigenes Geschäft mit der WM zu machen. Die Agentur „Bed and Breakfast Berlin“ jedenfalls meldet schon jetzt vier Mal so viele Anfragen von Menschen, die ihre Wohnungen teilweise oder ganz vermieten wollen, wie üblich. Agentur-Chef Uwe Kipp sagt: „Es gibt Kunden, die bereit sind, ganz auszuziehen, vorübergehend bei Freunden oder bei Oma oder auf dem Land zu wohnen.“ Auch bei Mitwohnzentralen und Maklern melden sich zunehmend Berliner, die ganze Wohnungen für die vier WM-Wochen vermieten wollen. Die Berliner Wohnungsvermittlung Euroflats rechnet gar mit einer derart hohen Nachfrage, dass sie ihre Wohnungen bis drei Monate vor dem Anpfiff sperrt, um im Internetauktionshaus Ebay Höchstpreise zu erzielen.

Dass sich die private Vermietung lohnt, daran hat Kipp keinen Zweifel: „Die Preise für Privatzimmer werden sich verdreifachen.“ Während der WM dürften 90 bis 120 Euro je Zimmer drin sein. Zudem gibt es nach Auskunft des Bezirksamts Charlottenburg-Wilmersdorf keine Auflagen für die private Zimmervermietung. Man braucht nur eine Erlaubnis des Vermieters. Und kreative Kleinstunternehmer planen schon, wie sich auch außerhalb der eigenen vier Wände Geld verdienen lässt: Sie wollen WM-Brötchen, verzierte Bratwürste oder einfach kühles Bier auf offener Straße verkaufen. Die IHK Berlin rechnet jedenfalls damit, dass die Zahl der fliegenden Händler in den WM-Wochen sprunghaft ansteigen wird.

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