Berlin : Wo Berlin am grünsten ist, liegen die Roten vorn

Berliner Wahlkreise, Folge 4: In Treptow-Köpenick gingen viele Jobs verloren, neue Impulse kommen durch die Fachhochschule

Stefan Jacobs

Wer in Treptow-Köpenick wohnt, hat Grün gewählt: 41 Prozent der Bezirksfläche sind bewaldet. Dieser Rekord färbt auf die Wohnviertel ab: luftig bebaut, teils mit Bestnoten im Mietspiegel – und mit Trottoirs, die abends pünktlich hochgeklappt werden. Berlins größter Bezirk ist weitgehend szenefrei. Die Bewohner verdienen mit einem Haushaltseinkommen von netto 1625 Euro ebenso gut wie die Charlottenburg-Wilmersdorfer. Und sie sind relativ alt: Der Anteil der über 65-Jährigen ist mit 23 Prozent stadtweit Spitze; es sterben weit mehr Menschen, als geboren werden.

Ein weiterer Rekord ist die Ausländerquote von nur rund drei Prozent. Von Ghettobildung keine Spur, und wenn sich im Bezirk Parallelgesellschaften entwickeln, dann eher rechtsradikale. Die Neonazis treten nicht so ungeniert auf wie in den angrenzenden Brandenburger Orten. Aber immer wieder werden linke Jugendliche und Fremde angepöbelt oder gar attackiert und Hassparolen an Laternen geklebt. Die NPD betreibt in Köpenick hinter stets geschlossenen Rollläden ihre Bundeszentrale.

Die wirtschaftlichen Kontraste innerhalb der Bezirksteile lassen sich am besten bei zwei Reisen besichtigen. Die erste Tour führt per S-Bahn längs durch Treptow nach Adlershof. Östlich der Trasse siecht die Dörpfeldstraße mit leer stehenden Läden und bröckelnden Fassaden. Westlich erblüht die „Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien“, kurz Wista, nach Einschätzung des Managements das „möglicherweise erfolgreichste Aufbauprojekt von Strukturen in ganz Ostdeutschland“. Aus dem Areal des DDR-Fernsehens wurde die „Medienstadt“ mit zurzeit 127 Unternehmen und 900 Beschäftigten. Auch das fürs TV-Duell zwischen Kanzler und Kandidatin hergerichtete Studio befindet sich hier.

Gegenüber zog die Stasi aus und das Arbeitsamt ein. Und nebenan keimte aus der DDR-Akademie der Wissenschaften der Wissenschafts- und Technologiepark, der jetzt fast 400 Unternehmen, zwölf Forschungseinrichtungen und sechs Institute der Humboldt-Uni beherbergt. Zusammen mit den benachbarten Dienstleistungsunternehmen sind Jobs für 10000 Menschen entstanden. 554 Millionen Euro hätten alle Einrichtungen zusammen im vergangenen Jahr umgesetzt, 71 Millionen davon seien Fördermittel gewesen, sagt Peter Strunk von Wista-Management. „Mein Konjunkturbarometer ist die Liste der säumigen Mietzahler“, sagt Strunk. Es zeige stabiles Schönwetter an.

Die zweite Erkenntnisreise führt per Schiff um die Müggelberge. Dabei sind nicht nur zwei weitere Berliner Rekorde – höchster Berg, größtes Gewässer – zu erleben, sondern auch die feinsten Wohnlagen im Osten: Wendenschloß, Schmöckwitz, Müggelheim. Sie eint die Angst vor dem Großflughafen Schönefeld. Ein Grund, weshalb Lokalpolitiker bei diesem Thema entweder irgendwie dagegen oder einsilbig sind.

Das Schiff fährt spreeabwärts nach Schöneweide. Der Blick wendet sich nach rechts in das alte Arbeiter- und Industrieviertel, oft „Oberschweineöde“ genannt. Mit der DDR verschwanden die meisten der fast 30000 Jobs, bald darauf zogen auch die Arbeiter weg. Übrig blieben die Alten und Armen. Doch dank des jahrelangen Kampfes der Anwohner-Initiative „Organizing Schöneweide“ naht nun Rettung in Form der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft, die in die teuer restaurierten Fabrik- und Bürohallen zieht. Noch ist sie nicht da. Aber schon jetzt geht der Leerstand zurück, die Kaltmieten überspringen den Berliner Durchschnitt von 4,49 Euro pro Quadratmeter. Darin liegt eine gewisse Symbolik: Selbst der finsterste Kiez von Treptow-Köpenick will besser sein als die Stadt insgesamt. Aber Berlin ist ohnehin weit weg, wie ein weiterer Rekord beweist: Das Adlergestell führt in die City – mit 13 Kilometern die längste Straße der Stadt.

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