Berlin : Wo Berlin am lautesten kracht

In Kreuzberg, Neukölln und Mitte knallt es Silvester heftiger als anderswo – der Südwesten bleibt eher ruhig

Holger Wild,Christian van Lessen

Von Holger Wild

und Christian van Lessen

Wenn Silvester nicht wäre – Harry Wodarz könnte dichtmachen. Er betreibt ein Waffengeschäft in der Karl-Marx-Straße, und schon am Sonnabendvormittag stehen die Leute davor Schlange. Genauer: die Männer; viele haben ihre Söhne dabei. Pyrotechnische Munition ist es, was sie kaufen, Leuchtkugeln und „Pfeifer“ und „Ratterer“ und was es so gibt für die Schreckschusspistole. Mit einer Packung von fünfzig Patronen gibt sich kaum ein Kunde zufrieden, ein 100-Euro-Schein ist schnell ausgegeben. Dabei sehen die meisten nicht so aus, als hätten sie es dicke in der Tasche.

Doch Harry Wodarz macht an den drei Tagen, an denen Silvesterfeuerwerk verkauft werden darf, einen Umsatz wie sonst in drei Monaten. „Dabei verkaufen wir gar kein Feuerwerk – und Pyro-Munition könnten die Leute das ganze Jahr über kaufen. Trotzdem kommen alle immer an den letzten drei Tagen!“ Dass der Spaß an der Knallerei zurückgegangen sein soll – immerhin 70 Prozent der Bundesbürger wollen einer Emnid-Umfrage zufolge dieses Jahr auf Böller verzichten –, kann Wodarz nicht bestätigen. „Es kommen nicht weniger Kunden als in den letzten Jahren. Die Leute kaufen nur etwas billiger“, sagt er – und das liege wohl an der wirtschaftlichen Lage. Gleichwohl: Um die 50 Euro, so schätzt er, gibt der durchschnittliche Silvesterkunde bei ihm aus.

Gleich vier Packungen à 50 Schuss hat sich ein türkischer Vater nach ausführlicher Beratung mit seinem vielleicht zehnjährigen Sohn zugelegt. Wieso eigentlich – ist das besser als Böller? „Die kaufen wir doch auch noch!“ antwortet der Junge – und uns fallen die letzten Silvester in Kreuzberg ein, als man in manchen Straßen den Eindruck haben konnte, der Bürgerkrieg sei ausgebrochen.

Kreuzberg, Neukölln, Mitte – das sind erfahrungsgemäß auch die Einsatzschwerpunkte der Feuerwehr in der Silvesternacht, außerdem Reinickendorf und Marzahn. „Das hängt mit der Sozialstruktur der Bezirke zusammen“, erklärt ein Feuerwehr-Sprecher. „Ein hoher Anteil an Jugendlichen, viele Ausländer, soziale Brennpunkte.“ Während es in Zehlendorf verhältnismäßig ruhiger zugeht – dort gibt es Straßenzüge, die sich auch in der Silvesternacht ganz ins Dunkel hüllen, durchbrochen nur von vereinzelten Raketen.

Entsprechend gemäßigt lief im friedlichen Südwesten denn auch der Verkauf von Feuerwerk an. Bengalische Lichter und Wunderkerzen beispielsweise sind im Systema-Elektrohandel in Schlachtensee gefragt, aber auch hier kommt der erste Kunde am Sonnabend erst eine Stunde nach Geschäftsöffnung. „Mir geht es weniger um Krach, mehr um die Optik“, sagt er und gibt für einige Pakete schönen Scheins 38 Euro aus. Und auch die Hinweise, dass Läden „Feuerwerk“ verkaufen, fallen in Zehlendorf deutlich weniger auf als anderswo. An der Clay-, Ecke Argentinische Allee hat der Händler das Plakat „Nordmanntannen“ abgehängt, um es durch die Aufschrift „Feuerwerk, Raketen, Kanonenschläge“ zu ersetzen. Hier wird gern nach Batteriefeuerwerk gefragt, jene Kartons, die man auf den Boden stellt und die Salven von 10, 25 oder auch 100 Schuss Leuchtfeuerwerk hintereinander in die Höhe jagen.

Ja, Batterien gingen gut in diesem Jahr, das sagen auch die Verkäuferin bei „McPaper“ am Kottbusser Damm und Andreas Kern, der zwei Läden weiter seinen Restposten-Handel ums Feuerwerk erweitert hat. Am gefragtesten seien aber wie in jedem Jahr Kracher – denn die seien vor allem bei den Ausländern beliebt, sagt Kern. Warum wohl? „Keine Ahnung … – Frust abballern?“ Sein Schlager im Angebot sind Pakete mit 80 dicken Böllern für 3,88 Euro.

„Das kann der sich nur leisten, wenn er die Mehrwertsteuer nicht an den Staat weitergibt“, schimpft Sadik Yanilmaz. Er hat sein Geschenkartikelgeschäft neben dem Waffenhändler Wodarz, und sieht sich in Neukölln/Kreuzberg einer Konkurrenz ausgesetzt, die die Preise kaputtmache. Junge Männer kommen in seinen Laden, fragen nach den Kracher-Preisen – und gehen wieder. Silvestergeschäft mache er hauptsächlich mit Effekt-Feuerwerk, erzählt Yanilmaz. Aber auch da blieben ihm mehr und mehr die Kunden weg. Die Schuld gibt er dem Fest am Brandenburger Tor: „Da haben sie Feuerwerk umsonst. Und Böller schmeißen dürfen sie nicht.“

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