Berlin : Wo Bildung zählt

Vietnamesen gehören in vielen Schulen zur Spitze Türken gelten weiterhin als Risikogruppe

Susanne Vieth-EntusD
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Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die großen Unterschiede bei der Integration der Migrantengruppen zeigen sich bereits in der Schule. Während etwa jeder dritte türkische Schüler nicht einmal einen Abschluss schafft und nur etwa jeder achte das Abitur ablegt, verhält es sich bei den asiatischen Schülern eher umgekehrt. Besonders auffällig sind die Erfolge der vietnamesischen Schüler, die oft sogar deutsche Muttersprachler überragen.

„Die Vietnamesen heben das Niveau der Klassen“, fasst die Integrationsbeauftragte von Marzahn-Hellersdorf, Elena Marburg, die Erfahrungen zusammen. Sie beobachtet die schulische Entwicklung der vietnamesischen Vertragsarbeiterkinder seit der Wende und ist immer wieder erstaunt über deren Leistungswillen, der vor allem auf dem „Respekt und der Dankbarkeit gegenüber den Eltern“ fuße. Marburg hält die Vietnamesen für die „nicht entdeckten Leistungsbringer“, die Deutschland leider noch immer nicht richtig zu schätzen wisse.

„Unkompliziert, angepasst und fleißig“ – das sind die Attribute, die Lehrer im Zusammenhang mit vietnamesischen Schülern benutzen. In ihrer elften Klasse etwa gehörten die vier Vietnamesinnen „zur Spitze“, berichtet Birgit Möske vom Lichtenberger Herder-Gymnasium, denn „sie haben begriffen, dass man mit Fleiß weiterkommt“. Vor allem aber habe das, was die Eltern sagen, „Gebotscharakter“.

Der große Erfolg der Vietnamesen hat allerdings auch seine Schattenseiten. Das war schon vor etlichen Jahren im Migrationsbericht von Marzahn-Hellersdorf nachzulesen: Etliche Kinder leiden unter den Erwartungen der Eltern, die manchmal auch vor Handgreiflichkeiten nicht zurückschrecken. „Es wird massiv Druck ausgeübt“, hat Detlef Schmidt-Ihnen vom Lichtenberger Barnim-Gymnasium beobachtet. Die Klassen 7 bis 10 bestehen hier zu einem Drittel aus vietnamesischen Kindern. Dass auch Eltern mit einfacher Schulbildung für ihre Kinder das Abitur anstrebten, hinge wohl mit dem „kulturell-religiösem Hintergrund“ zusammen, sagt Schmidt-Ihnen.

Eindrucksvoll illustriert die aktuelle Schulstatistik die großen Unterschiede beim Schulerfolg der Migranten: Von den rund 10 000 Oberschülern mit türkischem Pass besucht nur jeder fünfte und bei den polnischen jeder dritte das Gymnasium. Dagegen ist es bei den 1300 vietnamesischen Oberschülern mehr als jeder zweite, womit sie weit über dem Berliner Durchschnitt liegen.

Während der Erfolg der Vietnamesen wenig beachtet wird, da sie eine relativ kleine Gruppe bilden, steht der Misserfolg der türkischen Schüler immer wieder im Fokus: Sie schneiden bei der Pisa-Studie regelmäßig am schlechtesten ab. Die Pisa-Forscher beschreiben sie als „bei weitem schwierigste und gefährdeste Gruppe“. Ähnlich ist die Lage der libanesischen Schüler. Ihnen wird oft zugutegehalten, dass man von ihnen aufgrund ihres ungesicherten Aufenthaltsstatus und ihrer sozialen Lage keinen Leistungswillen erwarten könne. Die Vietnamesen allerdings ließen sich von ähnlichen Umständen nicht am Fleiß hindern, heißt es aus den Schulen.

Susanne Vieth-Entus

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