Berlin : Wo bleibt der Frühling?: Allein vor leeren Stühlen

Katja Füchsel

Es ist ein Bild des Jammers. Wie die Frau hinter ihrem Tresen steht, allein, zwischen Vanille, Schoko und Kirsch. Wenn die Chefin der Eiskonditorei "Mohnheim" aus dem Fenster auf die Blissestraße blickt, möchte einem glatt das gute Eis im Halse stecken bleiben. "Die kahlen Bäume, das ist doch traurig", sagt Sonja Belowa, seufzt und denkt ans letzte Jahr. Als der Frühling die Hitzerekorde purzeln ließ, als ihre Helfer mit dem Eis schmieren kaum hinterher kamen. Und jetzt? Stille. "Das tut überall weh", sagt die Chefin. In ihrer Kasse habe heute vor einem Jahr schon das etwa Dreifache gelegen.

Winter, mitten im Frühling. Am Wochenende blieb es entgegen vieler Voraussagen weiterhin ungemütlich und die Tische in den Straßenafés verwaist. Immerhin, es scheint jetzt Hoffnung in Sicht. "Der Frühling kommt diese Woche", verkündet jedenfalls Susanne Danßmann vom Wetterdienst Meteofax. Auf 12 Grad sollen die Temperaturen heute Nachmittag steigen, am Mittwoch erwarten die Meteorologen bei lockerer Bewölkung 17 Grad. Es wird ja auch Zeit, Aprilwetter hin oder her: Statistisch gesehen hat das Quecksilber auf Dauer nichts mehr unter der Zehn-Grad-Marke zu suchen. "In den nächsten Tagen müssen wir noch mit Regen rechnen", sagt Danßmann.

Das vergangene Wochenende fügte sich aber noch nahtlos in die Reihe seiner unrühmlichen Vorgänger ein: Kalt war es, bewölkt, windig, bei gerade mal neun Grad. Im Biergarten der Dahlemer "Luise" schlug der Anblick des kalten Grills dem Chef aufs Gemüt. "Wir haben 30 bis 40 Prozent weniger Umsatz durch das Wetter", sagt Bernd Clemens. Noch weniger, nämlich gar nichts, verdienen in den Gartenlokalen der Stadt die Aushilfskräfte, die seit Wochen zu Hause auf die Sonnenstrahlen warten - vergeblich. "Erst an zwei Tagen hatten wir Gäste draußen", sagt Gunnar Herden, Chef im "Pasternak" und "Am Wasserturm", vor 200 verlassenen Stühlen in der Knaackstraße, Prenzlauer Berg. Sechs Leute, die meisten von ihnen Studenten, könnte er sofort mobilisieren, wenn sich die Sonne endlich zeigte.

Ach, wenn die Wirte an die Frühlingsnächte 2000 denken, sieht man wie bei den Eisverkäufern die Augen glänzen. Am Tage heiß, abends mild, so um 16 Grad. Die Aprilnächte gingen als die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnung in die Geschichte ein. Getränkehändler registrierten Engpässe bei der Mineralwasser-Versorgung. Und der Tagesspiegel meldete am 29. April: "Für die Natur ist der Mai schon fast vorbei."

Immerhin, in diesem Jahr haben wir den Frühling noch vor uns. "Er steht jetzt in den Startlöchern", sagt Hartmut Loose, Gärtnermeister im Botanischen Garten. Narzissen und Stiefmütterchen blühen bereits, die Wilde Kirsche und Magnolien warten nur auf etwas Wärme, "dann knallt es richtig auf". Zu kalt ist es dagegen dem heimischen Spargel. Die erste Ernte des "Königsgemüses" hat schon rund zehn Tage Wochen Verspätung. Hobbygärtnern empfiehlt Loose, mit der Bepflanzung der Balkone noch zwei oder drei Wochen zu warten, da Mitte Mai mit den Eisheiligen gerechnet werden muss. Dem letzten Frühling, der die Natur im Zeitraffer aufblühen ließ, trauert der Gärtner, eine echte Ausnahme, nicht hinterher. "Da war nach zwei Wochen alles vorbei. Jetzt können wir den Frühling richtig genießen." Wenn er mal endlich losginge...

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar