Berlin : Wo bleibt nur Lassalle?

Mit Blutwurst und Salonpistole: Eine Soiree bei der Verlegerfamilie Franz Duncker zwischen Revolution und Reaktion

Christine-Felice Röhrs

Ein Abend vor genau 145 Jahren: Wir schreiben den 11. Dezember 1857. Es ist die Zeit zwischen Revolution und Reaktion. Wir schauen bei einer Berliner Familie vorbei, der des Verlegers Franz Duncker in der Potsdamer Straße 20. Es ist Freitag, die Dunckers haben Gäste. Einen erwartet der Gastgeber besonders ungeduldig.

Franz Duncker steht am Fenster und sieht in den Schneeregen hinaus. In seinem Rücken hört er Gelächter. Der Kamin prasselt. Duncker, ein großer Mann mit mächtigem Vollbart, reckt sich wohlig. Die Hände im Rücken verschränkt, beugt er sich vor, bis er mit der Nase fast das Fensterglas berührt. Von außen schlagen die Tropfen dagegen. „Keinen Hund würde man jetzt vor die Tür schicken“, denkt sich Duncker. Nein, besser man bleibt zu Hause in dieser Nacht – und bei diesen Verhältnissen. Sein Gesicht verdüstert sich.

Die Dinge stehen nicht gut. Die Reaktion ist in vollem Gange, was ihm die Arbeit nicht leichter macht. Vor sieben Jahren hat er Besser’s Verlagshandlung gekauft und steht nun ständig vor dem Problem, Bücher zu verlegen, die ihm am Herzen liegen, ohne mit der Hofkamarilla aneinander zu geraten. Und dann ist da auch noch der Ferdinand Lassalle, der Arbeiterführer, der nicht nachlassen will, der ihm ständig in den Ohren liegt mit diesem vermaledeiten Marx-Manuskript. Zu gefährlich, denkt Duncker. Aber nachher kommt er ja, der Lassalle, dann will er mit ihm sprechen. Lieber Freund, wird er sagen, angesichts der politischen Situation…

Schließlich ist die 1848 erkämpfte Pressefreiheit wieder zurückgenommen worden. Jederzeit darf die Polizei jetzt missliebige Schriften konfiszieren und Verlagshandlungen schließen. Duncker ist in Berlin als Mitglied des liberalen Bürgertums bekannt. Oder sollte er besser sagen: verschrien? Duncker lächelt grimmig. Dabei ist er nicht mal ein Radikaler. Nein, die Allmacht des Königs gehört zwar abgeschafft. Auch ein Ausgleich zwischen Arbeiterschaft und Kapital scheint ihm unumgänglich. Doch die Kraft der Massen, die gehört kontrolliert. Duncker schaudert noch immer, wenn er an 1848 zurückdenkt. Demokratie? Bewahre! Eine konstitutionelle Monarchie muss her. Duncker schüttelt die unangenehmen Erinnerungen ab. Abrupt wendet er sich um und geht zu seinen Gästen.

Es ist die übliche Schar an diesem Abend: Dunckers Frau Lina, eine zierliche Dame mit braunem Haar und leichtem Silberblick, drumherum kluge Herren und wohlgestaltete Damen: der Schriftsteller Julius Freese zum Beispiel, der gerade schockiert kichert über eine delikate Anekdote, die Marie, die lebhafte Schwester des Assessors Wenzel, im ins Ohr flüstert. Freese kreischt geziert auf. Duncker runzelt die Stirn. Dieser Mann schien wahrhaft von altjüngferlicher Empfindsamkeit.

Auch Adolph Lette ist da, der kleine bärtige Herr, dessen Ziel die geistige Hebung der Arbeiter ist und der tatsächlich einen Verein zur Bildung der Frau im Sinn haben soll. Ganz in der Ecke sitzt Gottfried Keller, Autor von „Der grüne Heinrich“, ein launischer Mann, der zuweilen gerne die Fäuste gebraucht. Dass er heute höflich bleibt, verdankt man, mutmaßt Duncker, nur Kellers Zuneigung zu Linas Schwester Betty. Nur der Lassalle, wo bleibt der nur?

Bisher ist der Abend gut verlaufen. Man hat Blutwurst gegessen. Man hat mit der Salonpistole nach der Scheibe geschossen und Shakespeare mit verteilten Rollen gelesen. Es geht auf neun Uhr. Da endlich trifft der Lassalle ein. Duncker springt auf.

Mit Lassalle haben sich die Dunckers in letzter Zeit angefreundet, denn Franz hat einige seiner Werke herausgebracht. Aufgeregt winkt er dem Gastgeber. Die beiden ziehen sich in den Erker zurück. „Nun, habt Ihr es Euch überlegt?“, fragt Lassalle mit gesenkter Stimme. „Ihr wisst, Ihr seid Marx’ einzige Chance.“ Ja, Duncker weiß: Marx, zurzeit im englischen Exil, besitzt keine Verbindung mehr zum deutschen Buchhandel. Der letzte Verleger, der sich getraut hatte, Marx’ „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ in Betracht zu ziehen, war verhaftet worden. „Ihr seid wohl des Wahnsinns“, zischt Duncker also zurück. „Aber bedenkt doch“, erwidert Lassalle beschwörend: „Die Kamarilla hält sich nicht mehr lange. Die wirtschaftliche Entwicklung macht die Durchsetzung ihrer feudalen Interessen immer schwerer. Die Zeit ist günstig!“

So geht das hin und her. Die Damen plaudern über die Weihnachtsausstellung zur Unterstützung armer Wöchnerinnen. Die Herren kommen zu keinem Ergebnis. „Lasst ab“, ruft Duncker schließlich verzweifelt. „Ich denke noch einmal nach.“ Als es auf elf Uhr geht, verabschieden sich die Gäste. Ein nachdenklicher Duncker bleibt zurück, allein vor dem glimmenden Kaminfeuer.

„Soll ich es wagen, den Marx zu verlegen?“, fragt er sich, wandert unruhig auf und ab. Der Verlag würde in die Geschichte eingehen, ja, das wäre so gut wie sicher. Doch dieses ungute Gefühl. Hat der Lassalle mich beschwindelt über den Inhalt des Manuskripts? Wie radikal ist es? Aber doch, ich werde es tun, beschließt Duncker. Und wenn ich es bereue.

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