Berlin : Wo das Ungewöhnliche alltäglich war

Das Rathaus Schöneberg wird 90 Jahre alt. Ein Streifzug durch seine Geschichte – vom Mittelpunkt der großen Politik zurück in den Bezirk

Voin Brigitte Grunert

Wer das Schöneberger Rathaus betritt, kann sich kaum noch vorstellen, dass es fast die Hälfte seiner 90 Jahre ein weltberühmtes Provisorium war. Hier wurde von 1949 bis 1990 Geschichte geschrieben. Hier war vom Springbrunnen im Bezirk über die BVG-Tarife bis zu den dramatischen Ost-West-Konflikten alles wichtig. Hier baute Willy Brandt mit seinen Vertrauten wie Egon Bahr auch die Wiege der Entspannungspolitik mit dem Passierscheinabkommen zu Weihnachten 1963. Hier war das Anomale normal.

Ob Ernst Reuter, Walther Schreiber, Otto Suhr, Willy Brandt, Klaus Schütz, Dietrich Stobbe, Hans-Jochen Vogel, Richard von Weizsäcker, Eberhard Diepgen oder Walter Momper und wieder Diepgen – alle Regierenden Bürgermeister der Weststadt waren wichtiger als jeder Ministerpräsident. Doch Hausherr im Rathaus blieb der Bezirksbürgermeister. Senat und Parlament waren nur Untermieter. Dieses Rathaus war nach der Spaltung der Stadtverwaltung Ende 1948 ihre provisorische Bleibe, ein Symbol für die Hoffnung, dass die Teilung nicht von Dauer sei.

Alles hockte beengt unter einem Dach, einschließlich der westalliierten Verbindungsoffiziere, die als Wächter des Viermächte-Status täglich mit dem Senat und dem Abgeordnetenhaus zu tun hatten. Selbstverständlich war es ein offenes Haus. Man igelte sich nicht ein wie die Institutionen im Osten. Rentner aßen gern in der preiswerten Rathaus-Kantine. Brautpaare eilten fürs Hochzeitsfoto vom Standesamt vor die Tür des Regierenden. Und die Großen der Welt mussten unweigerlich an dem Schild „Bezirkskasse“ vorbei, auch Königin Elizabeth 1965. Vor dem Rathaus aber traf sich ganz Berlin zu den großen Freiheitskundgebungen, die später verblassten. Bis zum Innsbrucker Platz standen die Leute, wie beim Besuch John F. Kennedys 1963, der sich zum Berliner erklärte.

Berlin war eine geschlossene Gesellschaft, eine Art Notgemeinschaft, die das antikommunistische Freiheitsideal und die vage Hoffnung auf die Einheit einte. Das Schöneberger Rathaus war Mittelpunkt und gute Stube der Weststadt. Das machte seine besondere Atmosphäre aus. Hier traf jeder jeden bei Empfängen und zu Besprechungen. Hier wurden hinter jeder Säule umstandslos Absprachen getroffen, hier blieb nichts geheim. Die gute Stube wirkte allerdings lange ärmlich, denn Berlin trat als Kostgänger des Bundes tunlichst bescheiden auf. Dietrich Stobbe ließ kurz nach seinem Amtsantritt eilig ein Klo renovieren, bevor er die Kollegen Ministerpräsidenten empfing. Erst in den 80er Jahren wurde das Rathaus anspruchsvoll modernisiert.

Es gab Sternstunden in diesem Rathaus, traurige, aufregende und peinliche Stunden. Zu den glücklichsten Momenten zählt die Freilassung des von Terroristen entführten CDU-Landeschefs Peter Lorenz am späten Abend des 4. März 1975. Singend zog CDU-Fraktionschef Heinrich Lummer durchs nächtliche Rathaus: „Freude, schöner Götterfunken...“ Die traurigste Plenarsitzung war gewiss die am 17. September 1961, die erste nach der Sommerpause. Mitten in seiner Protesterklärung zum Mauerbau sank Parlamentspräsident Willy Henneberg tot vom Stuhl. Die brutalste Episode war der Sturz Stobbes am 15. Januar 1981 über die Senatsumbildung. Alle vier SPD-Kandidaten fielen bei der Wahl im Parlament durch. Stobbe trat vor dem Parlament mit den Worten zurück: „Ich liebe diese Stadt.“ Eine Sternstunde war hingegen jene lange Nacht im Herbst 1981, in der das Parlament unverhofft beim Thema Hausbesetzungen Wurzeln schlug. Der Regierende Weizsäcker und sein Vorgänger Vogel zogen die Abgeordneten auf ihr Niveau empor. Lange her.

Seltsam, dass das gruseligste Ereignis ausgerechnet der beseligenden Nacht des Mauerfalls folgte. Am 10. November 1989 war nichts als dicke Luft. Helmut Kohl erschien mit dem halben Bundeskabinett und Willy Brandt mit den SPD-Spitzen zur Sondersitzung des Abgeordnetenhauses. Man sah ihnen an, was sie dachten: Was ist denn hier los? Man konnte sich auf keine gemeinsame Resolution einigen. Dann missglückte die Freudenkundgebung vor dem Rathaus. Kohl wurde ausgepfiffen, die Nationalhymne geriet zur Katzenmusik. Obendrein hatte die CDU eine eigene Kundgebung organisiert. Man konnte nur mit dem einen Auge vor Freude und mit dem anderen vor Scham über diese Peinlichkeiten weinen. Berlin stand wie die Kuh vor dem neuen Tor.

Das weltbekannte Provisorium hat seit der Zeitenwende ausgedient, natürlich. Seit 1991 sitzt der Regierende Bürgermeister im Roten Rathaus und seit 1993 das Abgeordnetenhaus im Preußischen Landtag und der Bezirksbürgermeister am Schreibtisch Ernst Reuters. Das besondere Fluidum hat sich verflüchtigt. Es wird ja auch nicht mehr gebraucht.

Ausstellung: Die Geschichte des Rathauses dokumentiert eine Ausstellung, die gestern eröffnet wurde und noch bis 22. September täglich zwischen 9 und 18 Uhr zu sehen ist. Gezeigt werden Bilder und Dokumente, Filme und Gegenstände, die mit der Geschichte des Rathauses in Verbindung stehen.

Sommernachtsball: Im ehemaligen Plenarsaal wird heute Abend getanzt. Das Berliner Salonorchester spielt, Star des Abends ist die Romy Haag, es gibt ein Gala-Buffet. Beginn des Jubiläumsballs ist um 20 Uhr, Ende gegen 1.30 Uhr. Karten gibt es keine mehr zu kaufen.

Gespräch: Ehemalige Berliner Regierende Bürgermeister berichten über ihre Zeit im Rathaus Schöneberg: der älteste ehemalige Regierende Klaus Schütz, außerdem Dietrich Stobbe, Eberhard Diepgen und Walter Momper. Termin des Gesprächs ist Donnerstag, 16. September, 19.30 Uhr, im Goldenen Saal des Rathaus Schöneberg. chr

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