Berlin : Wo der Rote Baron abhob

Der Flughafen Döberitz markiert den Beginn der Legende Manfred von Richthofens – und der deutschen Militärluftfahrt überhaupt

Andreas Conrad

Auch Fliegerlegenden haben mal klein angefangen. Die ersten Monate des Ersten Weltkriegs hatte Manfred von Richthofen, der spätere Rote Baron, noch als Verpflegungsoffizier in der Etappe gedient, weit hinter der russischen Front. Bald ließ er sich zwar zu den Fliegern versetzen, aber nur als Beobachter, damit er vor dem bald erwarteten Sieg auch ja noch zum Einsatz käme. Hinten im Bomber zu sitzen, wurde ihm allerdings zu langweilig, auch wollte der Sieg partout nicht kommen – das künftige Flieger-Ass ließ sich umschulen. Oswald Boelke, selbst eine Legende am Himmel, holte den jungen Baron zu seiner über der Champagne kreisenden Jagdstaffel. Dort lernte Richthofen zwar das Fliegen, aber er fiel durch die Prüfung und musste erneut Bomben auf die Soldaten des Zaren werfen. Erst als Richthofen sich zum Flugplatz Döberitz bei Berlin abkommandieren ließ, erhielt er endlich die ersehnten Weihen eines Jagdpiloten. Die Legende nahm ihren Lauf.

Die Geschichte des Flugplatzes Döberitz westlich Berlins ist heute kaum bekannt. Sein Name hat sich in dem der Nachbargemeinde Dallgow-Döberitz erhalten, sonst erinnert nur noch wenig an das alte Flugfeld bei Elstal, das als der „Geburtsort der militärischen Luftfahrt in Deutschland“ gelten kann. So lautet der Untertitel eines Buches von Kai Biermann und Erhard Cielewicz, die den Ort vor dem Vergessen bewahren wollen, bevor er endgültig von der Natur zugewuchert ist. Das ist nicht nur militärhistorisch von Interesse, zeigt sich doch an Döberitz exemplarisch, wie brüchig die Weimarer Demokratie war; wie sich die Reichswehr als Staat im Staate schon früh der im Versailler Vertrag verbotenen Waffen wieder zu versichern wusste; wie die Mechanismen funktionierten, mit denen sich die NS-Führung schnell eine schlagkräftige Luftwaffe schuf, mit Göring an der Spitze.

Die beiden Autoren schildern präzise die Entstehung der deutschen Militärfliegerei, die vom Flugplatz Döberitz ihren Ausgang nahm. Allerdings entfernt sich der Blick der Autoren teilweise recht weit von dem Ort, um den es laut Titel gehen soll. Das Buch gerät mehr und mehr zu einem Abriss der Geschichte der deutschen Militärfliegerei, die sich vom Ort ihrer Entstehung längst gelöst hat. Auch möchte wohl selbst der interessierte Laie nicht jede Verästelung militärischer Organisationsstrukturen so detailliert vorgeführt bekommen wie in dem Band.

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Doch trotz der mitunter zähen Materie lohnt sich die Lektüre: Wer weiß schon noch, dass zu Beginn des Ersten Weltkrieges in den zweisitzigen Doppeldeckern der Offizier nur als Beobachter mitflog, mit einem Unteroffizier als Piloten? Vorn der Chauffeur, hinten der adlige Herr – sie waren es so gewohnt.

Kai Biermann, Erhard Cielewicz: Flugplatz Döberitz. Geburtsort der militärischen Luftfahrt in Deutschland. Ch. Links Verlag, Berlin. 192 Seiten, 162 Abbildungen. 24,90 Euro.

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