Berlin : Wo der Schweinehund bellt

Kein Weißbier mehr, kein Kuchen und viel Sport – warum ist das so schwer? Berliner Psychologen finden das gerade heraus. Sie machen eine Studie zur „barrierebezogenen Strategieplanung“. Die soll helfen, schlechte Angewohnheiten abzulegen

Ariane Bemmer

Nach der Arbeit trifft Frau A. sich mit Freunden im Café. Diesmal will sie keinen Alkohol trinken, und als die Kellnerin kommt, sagt sie: Weißbier, bitte.

Nach dem Herzinfarkt sagen die Ärzte zu Herrn B., er müsse jetzt gesünder leben. Herr B. nickt und schwört und hält den neuen Lebensstil eine Woche durch.

Frau R. will mehr Sport treiben und sitzt dann doch nur auf dem Sofa.

Herr H. will das Rauchen aufgeben und schafft es nicht.

Alle vier sind Opfer einer mächtigen Macht: der Macht der Gewohnheit. Man nennt sie auch den inneren Schweinehund. Weil der – etwa bei den Herren B. und H. – zum ernsten Risiko werden kann, haben die Gesundheitspsychologen der Freien Universität Berlin Strategien entwickelt, ihn zu überwinden.

Studienleiterin Sonia Lippke nennt den Schweinehund eine „innere Barriere“. Die ist nützlich, wenn sie dafür sorgt, dass der Mensch sich Ruhepausen gönnt, sie schadet jedoch, wenn sie Handeln verhindert. Die Wissenschaftler haben rund tausend Patienten begleitet, die Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten ändern sollten. Die Patienten kamen aus sechs Berliner Reha-Zentren, ein Teil von ihnen hatte orthopädische Probleme – Bandscheibenvorfälle, Rückenleiden –, die anderen waren Herzinfarktpatienten. Sie alle hatten den Auftrag ihres Arztes, künftig gesünder zu leben und vor allem körperlich aktiv zu sein.

Die Patienten wurden in drei Gruppen aufgeteilt. Eine Gruppe sollte die Umstellung ohne Betreuung schaffen. In der zweiten Gruppe stellten die Patienten unter Anleitung der Psychologen Pläne auf, wie und wann sie künftig Sport treiben wollten. Die dritte Gruppe wurde intensiv betreut. In dieser Gruppe erstellte jeder Patient gleich mehrere Pläne zur Gewohnheitsumstellung. Zum einen schrieb er auf, wie und wann er Sport treiben wolle. Zum zweiten erstellte er einen Notplan, für den Fall, dass aus Plan A nichts werden sollte – kein Jogging, weil es regnet, kein Gemüse, weil der Laden schon geschlossen ist. Diese Art der Planung, die alle Eventualitäten einschließt, nennt Sonia Lippke „barrierebezogene Strategieplanung“. Ziel sei ein maßgeschneidertes Konzept zur Gewohnheitsveränderung. Die dritte Gruppe schnitt am Ende der Untersuchung am besten ab (siehe Kasten). Übrigens wollen die FU-Gesundheitspsychologen die „barrierebezogene Strategieplanung“ nun auch in der breiten Masse testen. Wer also seinen Lebensstil umstellen will, kann sich zur Internet-Befragung anmelden.

Aber warum ist es überhaupt so schwer, eine Gewohnheit zu ändern?

Cicero hat gesagt: Die Gewohnheit ist eine zweite Natur. Thomas Mann hat gesagt: Die Gewohnheit ist ein Seil. Wir weben jeden Tag einen Faden, und schließlich können wir es nicht mehr zerreißen. Der Volksmund sagt: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und das sind keine Ausreden, das kann man physiologisch begründen.

Das Gehirn ist eine Maschine, die ständig dazulernt. Je öfter eine Handlung erfolgt, desto unbewusster läuft sie ab. Am Ende muss nicht mehr die Großhirnrinde aktiv werden, es arbeiten nur die nachgeordneten Basalganglien – einige Kerne im Gehirn, die vor allem für die Grobmotorik zuständig sind. Viele Wiederholungen einer Handlung stärken die Verbindungen zwischen den beteiligten Nervenzentren. Der ständige Gebrauch festigt und verengt sie.

Professor Henrik Walter, Leiter des Labors für Neuroimaging an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Frankfurt am Main, vergleicht das Gehirn mit einer hohen, unberührten Wiese: Läuft man das erste Mal durchs grüne Gras, ist das noch mühsam, es ist noch keine Spur da. Läuft man aber häufiger auf demselben Weg, hat man irgendwann einen festgetrampelten Pfad. Es ist verlockend, diesen Pfad immer wieder zu nehmen. Stattdessen neue Wege zu gehen, sei nun wieder „ein aktiver Vorgang, der Anstrengung bedeutet“, sagt Professor Walter. Weil man sich aber nicht permanent anstrengen könne, schlage man so oft die alten, vertrauten Wege ein. Eine nachweisbare Barriere gebe es nicht. Professor Walter: „Der innere Schweinehund ist keine neurologische Realität.“

Wenn Frau A. nach der Arbeit weiter Weißbier trinkt, Frau R. nicht zum Sport geht und Herr H. raucht, liegt das auch an dem Motivations- und Belohnungssystem des Gehirns. Das zählt nur kurzfristige Erfolge: Sich eine Zigarette anzuzünden, verspricht mehr Glück, als die Aussicht darauf, in einem halben Jahr nicht an dieser Zigarette zu sterben. Dieses Motivationssystem ist angesiedelt im so genannten mesolimbischen System des Gehirns. Kernbereich ist der Nucleus Accumbens, ein kleiner Kern, der Signale über das ganze Gehirn streut.

Laut Professor Walter konnte mit Hilfe der funktionellen Bildgebung nachgewiesen werden, dass schon die Aussicht auf Belohnung die Durchblutung dieser Hirnregion anregt. Dazu hat man trockene Alkoholiker an Spezialgeräte angeschlossen und ihnen Bilder von alkoholhaltigen und von alkoholfreien Getränken vorgehalten. Die Computer zeigten, dass die Versuchspersonen auf die Bilder, die Alkoholgenuss versprachen, stärker reagierten.

Das mesolimbische System ist ein uraltes Gehirnsystem, das auch für die Entstehung von Sucht ausschlaggebend ist. Der wichtigste Überträgerstoff ist Dopamin. Man spricht auch vom dopaminergen System. Es sorgt dafür, dass wir mit guten Gefühlen belohnt werden, wenn wir Dinge tun, die im Dienste der Evolution stehen: Essen, Trinken und Fortpflanzung. Alkohol allerdings oder andere Sünden umgehen diese Kette und aktivieren das Belohnungszentrum direkt, – ohne dass es zuvor zu evolutionsgemäß sinnvollem Verhalten gekommen ist.

Um den Belohnungsimpuls auszubremsen, hat man beispielsweise Alkoholikern das Medikament Antabus verabreicht. Den Patienten wird dann schon nach dem ersten Schluck Alkohol schlecht. Die kurzfristige Belohnung durch Schnaps- oder Weingenuss fiel weg. So sollte das Gehirn umlernen. Das Medikament wird jedoch nur selten eingesetzt, da es extreme Nebenwirkungen haben kann.

Der zweite Grund, weshalb es oft nur bei der Ankündigung bleibt, sich etwas abzugewöhnen, ist die unzureichend ausgebildete Kontrollfunktion im Stirnhirn. Neben den seitlichen Anteilen des Stirnhirns spielt für die Kontrollfunktionen eine in der inneren Mitte gelegene Struktur eine wichtige Rolle, der so genannte Anterior Cingulate Cortex (ACC). In dessen Nähe haben US-Forscher auch den „sechsten Sinn“ entdeckt. Die Wissenschaftler der Washington Universität in St. Louis wiesen nach, dass diese Hirnregion bei Gefahr von Fehlentscheidungen aktiv wird. „Sie warnt uns, wenn unser Verhalten ein negatives Ergebnis zu produzieren droht. Das gibt uns die Chance, Fehler zu vermeiden.“

Voraussetzung für den Abschied von Gewohnheiten ist aber auch, dass man es wirklich will. Frau A. wird weiter Weißbier bestellen, solange sie nicht ernsthaft Saft trinken will. Da wird ihr, das haben die FU-Psychologen schon herausgefunden, auch barrierebezogene Strategieplanung nicht helfen. Sie braucht eine andere Machete, um auf ihrer Gehirnwiese eine neue Schneise zu schlagen.

Die FU-Studie besteht aus zwei Befragungsrunden im Abstand von vier Wochen. Der Fragebogen steht im Internet unter www.fu-berlin.de/gesund/plaene.

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