Berlin : Wo der Wedding kippt

Laut, schmutzig, unsicher: Studie beschreibt den Abstieg des Brunnenviertels

Christian van Lessen

Der Fernsehturm wirkt ganz nah, und doch scheint Berlins Mitte meilenweit entfernt. Ängstlich wirken etliche Ladenbesitzer im Weddinger Teil der Brunnenstraße. „Die haben mir und anderen mehrfach die Scheiben eingeworfen“, sagt eine Geschäftsfrau. Ihren Namen will sie nicht nennen. Auch eine Verkäuferin, Weißrussin, schimpft auf den hohen Ausländeranteil. „Alles Araber, bestimmt 80 Prozent. Die kaufen nichts, holen alles vom Flohmarkt.“ Ein türkischer Händler zeigt auf ein Toilettenhäuschen: „Zu viele Drogen, zu viel Kriminalität. Es wird immer schlimmer.“

Während auf der Ost-Seite der Straße im Kernbezirk Mitte die Welt trotz Ladenleerstands geordnet scheint und Geschäftsführerin Janett Hänelt im Café „Grenzenlos“ die Altbau-Atmosphäre lobt, droht der Westseite mit ihren Neubauten der soziale Absturz. Die meisten der 30 000 Bewohner ringsum sind unzufrieden. Zur gleichen Zeit, da die neue Initiative „Der Wedding lebt“ ein positives Bild vermitteln will, kommt eine Studie des Forschungsinstituts „empirica“ für das Brunnenviertel zu negativen Schlüssen. Sie hat im Auftrag der städtischen Wohnungsbaugesellschaft und Hauptvermieterin DeGeWo (Deutsche Gesellschaft zur Förderung des Wohnungsbaus) das Quartier untersucht. Der Befund: „Das Brunnenviertel steckt in der Krise.“ Knapp 65 Prozent der befragten Bewohner litten unter dem Image. Jeder zweite meint, es zögen immer mehr Leute zu, mit denen man nicht zurechtkomme. Angesichts einer auch hohen Arbeitslosen- und Sozialhilfequote (jeweils fast 20 Prozent) herrsche allgemein „ein Abstiegsempfinden“, besagt die Studie.

Bewohner kritisierten den „zunehmend dominierenden Ausländeranteil“, außerdem Lärm, Schmutz, „Unsicherheitsbelastungen und Qualitätsverluste“. Die zeigten sich beispielsweise an Ladenleerständen und Billiganbietern. Die Ansiedlung von Läden im Kiez wirke „konzeptionslos“. Die Gastronomie sei auf sehr niedrigem Niveau, die Straßen ringsum wirkten „reizarm“. Für anspruchsvollere Familien fehlten passende Schulen, es gebe kaum Vereine. Trotz der zentralen Lage nehme das Gebiet, vor gut 30 Jahren Schauplatz der ersten flächendeckenden Kahlschlagsanierung, eine „Insellage“ ein. Die Studie weist allerdings auch darauf hin, dass 80 Prozent der Mieter mit ihren Wohnungen einverstanden sind. Die Stimmung aber werde immer mieser.

Die Verfasser werfen der DeGeWo und dem Bezirk vor, sich bislang nicht um eine „Gesamtstrategie“ gekümmert zu haben wie in Gebieten mit Quartiersmanagement. Die DeGeWo müsse die Initiative ergreifen. Ihr Vorstand Frank Bielka sagt, er wolle das Viertel nun zur Chefsache machen, Verbündete in der Politik, in Behörden, bei Bürgern suchen. Heute um 14 Uhr will er schon mal medienwirksam mit Mittes stellvertretendem Bürgermeister Christian Hanke für ein „sauberes Brunnenviertel“ zum Besen greifen.

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