Berlin : Wo die S-Bahn auf dem Dachboden rattert

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Adresse? Schöneberger Straße 14-15. Jetzt am Pförtner vorbei in den Hof, scharf links zum Lastenaufzug und den Knopf zur 5. Etage drücken. Oben ein kahles Treppenhaus mit einer Tür, wie es hunderte in Bürohäusern gibt. Doch hier steht "Zur Modellbahn" darauf. Kinder und Eltern drängeln herein. Ankunft am verborgenen Ort: Gleisgewirr, blinkende Signale, der Intercity verlässt gerade den Ostbahnhof, eine S-Bahn stoppt an der Jannowitzbrücke, Graffiti-Sprayer sind am Ostkreuz unterwegs, und in der Nähe des Hackeschen Marktes eilen Sanitäter zu den Schienen. Ein S-Bahn-Surfer ist abgestürzt. Das alles passiert auf Berlins größter Modellbahnanlage auf dem Dachboden der ehemaligen Reichsbahndirektion am Gleisdreieck in Kreuzberg.

Die gesamte Berliner S- und Fernbahnstrecke zwischen Museumsinsel und Friedrichsfelde-Ost sowie vom Ostkreuz bis zum Betriebsbahnhof Rummelsburg haben die Mitglieder der "Interessengemeinschaft Modelleisenbahn" dort mit allen Bahnhöfen und Gebäuden seit 1995 originalgetreu nachgebaut. Auf 350 Quadratmetern und 150 Metern Länge im Maßstab 1:87, mit 4 Kilometern Gleisen, 270 Weichen, tausenden Figuren und Bäumen und jeder Menge Loks und Waggons. Sie würden die Regale eines mittleren Spielwarenladens füllen. Liliput mitten in Berlin. Erstaunlich, dass es noch so wenige Menschen gesehen haben, obwohl man sich hier wie Gulliver in seiner eigenen Stadt fühlen kann.

Ein guter Grund für eine Geheimnistour - die achte während der Osterferien, diesmal für 60 Kinder und Eltern. Also, am besten in die Knie gehen und die Berliner Bahnlandschaft aus gleicher Höhe ganz nahe betrachten. Ein Trick für die perfekte Illusion. "Nun steht Ihr mitten im Geschehen", sagt Modellbahner Werner Friboese. "Guckt mal da vorne in Friedrichsfelde-Ost - eine Zugwaschanlage?" Eine Maschinerie mit winzigen Rollen und Bürsten, konstruiert wie die Waschtunnel für Pkws. Diese Anlage gehört zur Geschichte der Technik. Sie wurde 1925 gebaut, arbeitet bis heute und gilt als der Urahn aller Autowaschanlagen.

"Achtung, auf Gleis 6 hat Zug Nummer 37 Einfahrt." Zwei Modellbahner unterhalten sich mit Sprechfunkgeräten, sie überwachen den Zugverkehr, denn diese Anlage kann kein Mensch überblicken. Deshalb wird sie ähnlich betrieben wie die echte Stadtbahn - mit Signalen und einem Stellwerkcomputer, auf dessen Bildschirm das Gleisnetz erscheint. Streckenabschnitte, über die Züge rollen, leuchten rot. So behalten die Stellwerker die Kontrolle. Doch zusätzlich brauchen sie Infos vom Hackeschen Markt oder aus Rummelburg, alleine auf die Technik können sie sich nicht verlassen, zumal in der Modellbahn kein Lokführer sitzt. Deren Job übernehmen die Sprechfunkmänner.

Hin und wieder entgleist aber dennoch ein Zug oder zwei prallen aufeinander. "Kein Problem", sagt Werner Friboese, "Modelle sind robuster als die echte Bahn." Die Punks und Schulklassen, Geschäftsleute oder Türkenfamilien auf den Bahnsteigen interessiert das ohnehin nicht, sie bleiben am Platze, egal, ob tagsüber oder bei Nacht. Friboese knipst das Licht aus. Berlin im Schein der Laternen. "Achtung zurücktreten!" Wie von Geisterhand rollt ein Regionalexpress durch den Bahnhof Warschauer Straße.Übrigens - die Modellbahner zeigen ihre Mega-Anlage gerne weiteren Gruppen. Schulklassen können dort Stadtplan-Spiele veranstalten. Bewirtet werden Besucher in einem Originalabteil der alten S-Bahn. Tel.: 29735314 oder 7444238.

Der Tagesspiegel veranstaltet elf Ausflüge für Kinder hinter die Kulissen der Stadt - eine Aktion im Rahmen unserer Serie "Berlins geheime Orte". Sie begann in den Osterferien und endet in dieser Woche. Geheimnis Nummer 8 war der Ausflug zur Mega-Modellbahn. Zur Serie gibt es auch ein Buch mit 27 Abenteuertouren durch Berlin: Geheime Orte für Kinder (Nicolai-Verlag).

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