Berlin : Wo es brennt im Kiez

Senator Ehrhart Körting legte dem Innenausschuss die kriminelle Landkarte Berlins vor – und warnte vor Ghetto-Bildung

Fatina Keilani

„Sprechen wir nicht von Ghettos“, sagte Innensenator Ehrhart Körting (SPD) am Montag im Innenausschuss. „Sprechen wir von problemorientierten Kiezen. Aber wenn wir nicht handeln, bekommen wir dort am Ende Ghettos.“ Was Körting den Abgeordneten dann an Zahlen vortrug, ergab praktisch den Kriminalatlas von Berlin. Neun Gegenden sind es, in denen sich die Probleme konzentrieren. Die Menschen dort haben oft weder Bildung noch Arbeit, und viele sind Ausländer.

Zum Beispiel entspreche es in arabischen Großfamilien und Clans den Traditionen, Angelegenheiten untereinander zu regeln, sagte Körting. Die Polizei wird als Ordnungsmacht weder akzeptiert noch respektiert. Zu den „Angelegenheiten“ gehören aber auch solche, die nach deutschem Recht strafbar sind: Züchtigung der Ehefrau, Zwangsverheiratung der Tochter, Bluttaten zur Wiederherstellung der Ehre. Also schreiten Ermittler ein. „Unter diesen Leuten gibt es keine Bereitschaft, der Polizei mit Aussagen behilflich zu sein“, sagt Körting. Er nennt das die „Mauer des Schweigens“.

Auch wo die Verhältnisse nicht ganz so krass sind, gibt es Probleme. Körting zählte die Brennpunkte auf (siehe Grafik). Schlimmster Kiez ist danach Neukölln- Nord. Er hat so viele Bewohner wie eine größere Stadt (fast 156000), davon ein Viertel Ausländer, meist Türken oder Araber. 15450 Delikte gab es in der Zeit von Januar bis November 2003, vor allem Drogentaten, Körperverletzung und Sachbeschädigung. Die Häufigkeitsziffer liegt 40 Prozent über dem Gesamt-Berliner Schnitt.

Diese Häufigkeitszahl ist eine relative Zahl, eine Art Index, der im Verhältnis zur Einwohnerzahl errechnet wird. Er liegt in Gesamt-Berlin bei 7087, in Neukölln-Nord aber bei 9918. Der vergleichsweise kleine Soldiner Kiez in Wedding hat 8684, ist also auch überdurchschnittlich belastet – in absoluten Zahlen sind das 503 Taten, vor allem Körperverletzungen.

Im Innenausschuss des Parlaments wurden Lösungen diskutiert; Schuldzuweisungen blieben nicht aus. So meinte der grüne Abgeordnete Özcan Mutlu, wenn man Zuwanderern die ganze Zeit das Gefühl gebe, sie seien hier nicht erwünscht, dürfe man sich nicht wundern, wenn sie sich nicht integrierten und Clans bilden. Man müsse den Ausländern auch Chancen geben, in dieser Gesellschaft anzukommen.

Andere wollen in den Problemgegenden mehr Wohneigentum schaffen, damit sich die Bewohner besser um ihren Kiez kümmern. Selbstkritisch stellte der CDU-Abgeordnete Kurt Wansner fest, es sei nicht gelungen, in der Wohnbevölkerung eine gute Mischung zu erreichen. „Multikulturell wäre ja gut, mit gegenseitigem Respekt, aber was wir haben, ist eher monokulturell“, sagte Wansner. Manche Straßenzüge werden von Russen dominiert, andere ganz von Arabern oder Türken bewohnt.

Zwei Polizisten berichteten von ihrem Alltag. Während der eine, zuständig fürs Rollbergviertel, dort eine Besserung feststellt, seit die Polizei mehr kontrolliert, sieht sein Kollege aus Kreuzberg-Nord die Sache düsterer: „Zum Teil findet deutsches Leben dort nicht mehr statt.“

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