Berlin : Wo Grass kochte und Johnson spazieren ging

Ein Streifzug durch die 135-jährige Stadtteilgeschichte Friedenaus

Christoph Stollowsky

„Brücke“-Maler Ernst Ludwig Kirchner genoss 1913 von seiner Dachwohnung an der Bahnstation Friedenau den weiten Blick auf die „dampfenden Züge mit ihrem flüchtigen Rauch“. Gut 50 Jahre später schwärmte der Schriftsteller Uwe Johnson vom Spaziergängerparadies Friedenau: „Kleine Straßen mit alten Landhäusern, bürgerliche Mietbauten – und die Blütenwolken der Kastanien …“. Johnson wohnte seit den frühen 60er Jahren in der Niedstraße 14. In die Nummer 13 zog damals sein Dichterkollege Günter Grass ein. Dessen Terrasse gilt heute als mythologischer Ort der deutschen Nachkriegsliteratur. Hier bekochte Grass opulent auch andere Autoren und linke Geister jener Zeit, von denen etliche in Friedenau lebten – wie Hans Magnus Enzensberger oder Max Frisch.

„Kunstrepublik Friedenau“ – so heißt eines der spannendsten Kapitel in dem von Gudrun Blankenburg kenntnisreich geschriebenen und liebevoll illustrierten Buch „Friedenau – Künstlerort und Wohnidyll“. Rund 135 Jahre sind seit der Gründung des heutigen Ortsteils von Tempelhof-Schöneberg vergangen, höchste Zeit also für eine Reise zurück in dessen Vergangenheit.

Als Arkadien mit Backsteinvillen für wohlhabendere Berliner wurde Friedenau gegründet. Später wuchsen dort auch die stuckgeschmückten Fassaden gründerzeitlicher Mietshäuser empor. Friedenau avancierte zum City-Stadtteil, bewahrte sich aber sein ländliches Idyll – und gewann so seinen besonderen Charme: eine inspirierende Beschaulichkeit im Zusammenspiel der kleinen und großen Architektur in stillen Villenstraßen und geschäftigen Hauptstraßen. Das zog viele Künstler und Denker an. Hier gab es die „dichteste Dichterdichte“ Berlins, hier wohnten Politiker wie Rosa Luxemburg oder Theodor Heuss.

Mit diesem Band ist man bestens ausgestattet für eine Spurensuche – etwa zum „Künstlerfriedhof Friedenau“, dem „Pére-Lachaise“ Berlins. Auch die einstigen Zukunftsschmieden werden besucht: die „Askania-Höfe“ an der Bundesallee, die „Goerz-Höfe“ der Optischen Anstalt C. P. Goerz an der Rheinstraße oder die Bronzegießerei Noack. 1958 hat man hier die Siegesgöttin der Quadriga restauriert – und danach im Triumphzug zum Brandenburger Tor gefahren.

— Gudrun Blankenburg: Friedenau – Künstlerort und Wohnidyll. Frieling- Verlag, Berlin. 120 Seiten mit vielen Abbildungen, 19,90 Euro.

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