Berlin : Wo ist Eppelmann?

Das prominenteste Mitglied von Pflügers Wahlkampfmannschaft macht sich rar

Matthias Schlegel

Vor einer reichlichen Woche stellte CDU-Spitzenkandidat Friedbert Pflüger sein Schatten-Senatorenteam für den Fall eines Wahlsiegs vor. Dort ist das prominenteste Mitglied Rainer Eppelmann bislang auch geblieben – im Schatten. Versuche, den Ex-Bundestagsabgeordneten, letzten DDR-Verteidigungsminister, ehemaligen Pfarrer und Dissidenten telefonisch zu erreichen, schlugen über Tage hinweg fehl, erwünschte Rückrufe blieben aus. Und aus Pflügers Wahlkampfteam kamen noch am Donnerstag nur vage Auskünfte: Eppelmann sei auf einem eintägigen Seminar, oder war es ein zwei- oder dreitägiges? Auch beim Treffen von Pflüger mit seinen „Senatoren in spe“ am Mittwoch fehlte Eppelmann – „entschuldigt“, hieß es.

Nun würde man gern wissen, wie sich Eppelmann seine künftige Aufgabe vorstellt, wofür er auf dem weiten Feld von Arbeit und Soziales steht, was die Berliner von ihm zu erwarten haben. Ob er es gut findet, aus einer Haushaltsnotlage heraus kostenlose Kita-Plätze zu versprechen. Wie er Arbeitsplätze nach Berlin zu holen gedenkt. Dazu hat er sich bislang überhaupt noch nicht geäußert.

Auch warum sich Eppelmann nach seinem Ausstieg aus der Politik von Pflüger reaktivieren ließ, bleibt vorerst sein Geheimnis. Pflügers Gründe liegen dagegen auf der Hand: Eppelmann ist mit Leib und Seele, genauer gesagt mit Herz und Schnauze Berliner. Den urwüchsigen Dialekt trägt der 1943 in Berlin als Sohn eines Zimmermanns und einer Schneiderin geborene Eppelmann gelegentlich wie eine proletarische Monstranz vor sich her. Die durch oppositionelle Aufmüpfigkeit und Stasi-Verfolgung geadelte DDR-Biographie soll in Pflügers Mannschaft für Ost-Kompetenz sorgen und die Wählerklientel zwischen Weißensee und Treptow überzeugen. Und ein ehemaliger Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), bei der er immer noch Ehrenvorsitzender ist, eignet sich schon dank der damit verbundenen bundesweiten Popularität als Ressortchef für Arbeit und Soziales.

Zwar hatte sich Eppelmann „für ein Leben ohne Politik nach 2006 entschieden – mit einem fröhlichen Ja", wie er im März 2005 dem Tagesspiegel sagte. Doch als ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Beiratsmitglied der Stasi-Unterlagenbehörde, Vorstandsmitglied von Care Deutschland und Mitglied der Konrad-Adenauer-Stiftung widmete er sich weiter dem, was er am besten kann: der Vergangenheitsaufarbeitung.

In der Bundespolitik und in der CDU war es um den Mann ruhig geworden, der 15 Jahre im Bundestag, jahrelang im Präsidium der CDU und im Brandenburger Landesvorstand gesessen hatte. Die Meinung von Norbert Blüm, der Eppelmann schon zu DDR-Zeiten „immer unter Stasi-Beobachtung“ privat besuchte, wird dennoch fast jeder in der CDU teilen: „Ich habe ihn damals als ganz mutigen Mann kennengelernt, der Rückgrat hatte.“ Dafür ziehe er heute noch den Hut vor Eppelmann. Zu dessen sozialem Engagement fällt dem Alt-Sozialpolitiker ein: „Er hat ein Herz für soziale Fragen. Ich halte ihn für eine gute Besetzung.“

Von 1994 bis 2001 war der Vater von fünf Kindern CDA-Bundesvorsitzender. Das Fazit fiel nicht durchgängig positiv aus: Zu unauffällig, sozialpolitisch zu leichtgewichtig, so das Medienurteil. Immerhin, nach der Wahlniederlage der Union 1998 kritisierte Eppelmann die Politik seines großen Vorbildes Helmut Kohl heftig. Er warf ihr eine „soziale Gerechtigkeitslücke“, soziale Kälte und Erfolglosigkeit vor.

Am stärksten aber ist von Eppelmann das in Erinnerung, was er zu DDR-Zeiten tat. Dem Pfarrer an der Samariterkirche und unbequemen Einmischer brachte sein „Berliner Appell“ von 1982, der „Frieden schaffen ohne Waffen“ postulierte, langjährige und massive Stasi-Observierung ein. 1989 war er Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs (DA), mit dem er dann im März 1990 in der „Allianz für Deutschland“ gemeinsam mit CDU und DSU Wahlgewinner wurde – und Minister für Abrüstung und Verteidigung. Der Pazifist und Wehrdienstverweigerer musste die NVA-Soldaten in die Armee des einstigen Klassenfeindes eingliedern.

Ja, wo ist Eppelmann heute? Weitere Recherchen bringen es an den Tag: 7517 Kilometer Luftlinie entfernt. In Fernost. Für die Konrad-Adenauer-Stiftung nimmt er in der russischen Stadt Chabarowsk nahe der Grenze zu China an einer Tagung teil. Thema: „Erinnerungskultur und Aufarbeitung des Kommunismus am Beispiel Russlands, Deutschlands und Rumäniens“. Am nächsten Mittwoch kommt er zurück. Zu Pflüger.

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