Berlin : Wo Kicker in sich gehen

Stille im Hexenkessel: die Stadionkapelle

Christian van Lessen

Eine kleine Orgel, warmes Licht, das sich dimmen lässt. Die Glocken der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vom Band – auf Knopfdruck. Ein Altar. Bis zu 80 Plätze. Alles in einem Raum, dem Oval des Olympiastadions nachempfunden. Eingang Südtor, viertes Untergeschoss, hinter der Players-Lounge. „Die Prayers-Lounge“, sagt Bernhard Felmberg und lächelt. Er ist Oberkonsistorialrat, Sportbeauftragter der evangelischen Kirche, und er predigt hier. Er ist Initiator der Stadionkapelle, die seit der Fußball-WM eingerichtet ist. Ein Ort der Stille inmitten des Hexenkessels.

„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele“, steht draußen an der Wand. Das Oval sieht man erst im Inneren, wie ein Paravent. Die Kapelle war früher ein Abstellraum, in dem die „Schiris“ ihre Sachen lagerten.

Taufen, Trauungen, Gottesdienste, Führungen – der christliche, ökumenische Raum ist eine Attraktion. Schulklassen kommen. Eine Wand aus Blattgold zieren Bibelzitate in 18 Sprachen, es geht um Sieg und Niederlage – im Glauben. Fußballstar Christoph Metzelder dankte im Gästebuch für die „besinnlichen Minuten“. Sieger sportlicher Wettbewerbe, sie würden hier „geerdet“, sagt Felmberg, und Verlierer „aufgebaut“.

Die Kapelle ist offen für Sportler, für alle, die hier arbeiten, für Vereinspräsidenten, Manager, für Fans, die sich allerdings vorher anmelden müssen, denn die Kapelle liegt im Sicherheitsbereich. „Harte Kerle werden hier weich“, sagt Felmberg. Eineinhalb Stunden vor Hertha-Bundesligaspielen wird die Kapelle geöffnet, sitzen Fußballer, Funktionäre und Fans andächtig zusammen. „Dann ist die Hütte voll“, sagt Felmberg.

Es ist nicht leicht, in einer leistungsbezogenen Sparte auf andere Werte hinzuweisen: Darauf etwa, dass Gott den Menschen nimmt, wie er ist. Dass es um die Würde geht. Leute von den Notfalldiensten beten, dass kein Unglück passiert, dass keiner einen Herzinfarkt bekommt. Die Andachten nutzen Bibeltexte, die sich in irgendeiner Weise auf Sport beziehen. „Die Kirche kommt zu den Menschen“, sagt Felmberg, der mit seinem katholischen Kollegen Matthias Ulrich die Kapelle ehrenamtlich betreut. Erst stieß Felmberg auf Skepsis, ob eine neue Kirche im Stadion angesichts von Kirchenschließungen nicht nur fixe Idee ist. Ob überhaupt jemand kommt. Und dann auch noch Blattgold an den Wänden. „Abbrechen und Aufbauen gehören zusammen“, befindet der Theologe.

Der Erfolg des kleinen Gotteshauses gibt ihm recht. Tausende sind bisher hier gewesen, Fußballnationalmannschaften, vor allem viele italienische Spieler. Hockeyspielerinnen haben hier vor Rührung geweint, gut 20 Kinder wurden getauft, auch von Eltern, die sich im Stadion kennengelernt hatten und sich hier trauen ließen. Die Kapelle, entworfen vom Büro gmp, vom Architekten Volkwin Marg, einem Pfarrerssohn, hat 300 000 Euro gekostet, die mussten erst einmal gesammelt werden. Viele Berliner halfen mit kleinen Beträgen, Firmen spendeten, die Klassenlotterie gab den entscheidenden Teil.

Pünktlich zur Fußball-WM war die Kapelle fertig, doch das Organisationskomitee ließ sie gleich schließen. Der Raum, so hieß es, sei offenbar nur Christen vorbehalten, und das gehe nicht. Felmberg aber machte klar, der Andachtsraum sei für alle da. Der Bischof intervenierte, und zur zweiten Hälfte der WM war die Kapelle dann endlich offen. Die deutsche und argentinische Nationalmannschaft trafen sich hier – andächtig.

Die Stille vorm Spiel, die Andacht danach, das wird geschätzt. Leute, die nie in die Kirche gehen, hier finden sie zu Gott. Drei Stadionkapellen gibt es in Deutschland, auf Schalke, in Frankfurt am Main und hier. Die in Berlin gilt als die schönste. Sie wurde bereits mit internationalen Designpreisen ausgezeichnet. „Das Ding ist etabliert“, stellt Felmberg fest. Er ist stolz auf sein Werk. Er hat, Jahrgang ’65, lange Fußball gespielt, war Leichtathlet, ist nun auch Mitglied von Hertha BSC geworden. Bischof Wolfgang Huber ist sogar Ehrenmitglied. An göttlichem Segen dürfte es Hertha für die Rückrunde also eigentlich nicht fehlen. Christian van Lessen

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