Berlin : Wo lag "Feuerland"?

Stefan Jacobs

Übergewichtige Bücher haben es schwer. Man nennt sie "Wälzer" und nimmt sie nur anlässlich eines Umzuges aus dem Schrank. Doch tut man ihnen damit womöglich Unrecht. Gerade bei Büchern sind die Dicksten zugleich auch oft die Schlauesten.

Das Lexikon "Berlin Mitte" aus dem Stapp Verlag ist ein typischer Wälzer: sehr dick und sehr schlau. Es hat sich obendrein schick in Schale geschmissen. Aber der mit Farbfotos dekorierte Titel verspricht optisch mehr, als die folgenden 808 Seiten halten. Auf ihnen geht es ausschließlich schwarz-weiß zu, und manche der ohnehin recht kleinen Fotos wirken mangels Kontrast etwas mickerig.

Soweit die schlechte Nachricht. Wer sich damit abgefunden hat, kann sich auf die gute Nachricht konzentrieren: dass nämlich so ziemlich alles, was einem in Mitte begegnet, auch im Buch erwähnt ist. In akribischer Fleißarbeit haben die Autoren noch die kleinste Schule, das verborgenste Denkmal und die einsamste Straße mitsamt ihrer Geschichte aufgestöbert. Ebenso sind alle Personen aufgeführt, die das politische, geistige und wirtschaftliche Leben des Bezirkes geprägt haben. Die Auswahl konzentriert sich dabei auf das 20. Jahrhundert; eine ausführliche Dokumentation der Stadtgeschichte findet sich vor dem alphabetisch geordneten Hauptteil. Der reicht vom Architekten Alvar Aalto bis zur Zwinglistraße. Dazwischen stehen tausend Dinge, die man größtenteils nicht wissen muss, obwohl sie allemal interessant sind: etwa, dass die Rolltreppe im Bahnhof Gesundbrunnen bei der Eröffnung 1930 die längste in Deutschland war. Oder dass die Kugel des Fernsehturmes 4800 Tonnen wiegt und Carl Friedrich Wilhelm Bechstein 1856 in der Behrenstraße mit der Fertigung seiner bald weltberühmten Flügel begann. Und "Feuerland" lag einst nicht nur in Südamerika, sondern auch nördlich der Oranienburger Straße, wo sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts allerlei Eisengießereien angesiedelt hatten.

Das Lexikon beschreibt bereits den Fusionsbezirk Mitte, also einschließlich Tiergarten und Wedding. Damit ist es - von der neuesten politischen Entwicklung natürlich abgesehen - erfreulich aktuell. Wer sich ernsthaft für den Innenstadtbezirk interessiert und Sachlichkeit statt fesselnder Prosa erwartet, wird an dem Werk seine Freude haben. Schade nur, dass die klein bedruckten Seiten so eindeutig nach Lexikon aussehen. Nach Wälzer.

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