Berlin : Wo man das R im Euro rollt

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Rasch ließe sich in Berlin ein feuriger Glaubensstreit entfachen, wollte man einem der vielen Wochenmärkte den allerersten Rang zugestehen: der lebhafteste, der levantinischste, der schönste zu sein. Ob in Steglitz oder Pankow, Prenzlauer Berg oder Schmargendorf – jeder Wochenmarkt hat seine Anhänger, die auf ihn schwören. Die Nähe zur Wohnung ist dabei der naheliegendste Vorzug. Dennoch will ich zwei unterschiedliche Wochenmärkte als diejenigen herauspicken, zu denen nicht nur die Nachbarschaft strebt: zum Maybachufer des Neuköllner Landwehrkanals und auf den Schöneberger Winterfeldtplatz. Türkisch geprägt der erste, deutsch-türkisch der zweite.

Märkte unter freiem Himmel sind taugliche Stätten fürs Studium städtischer Lebensart. Und Märkte waren schon immer genussreiche Vorlagen, um sich schreibend in Wortfarben wie Begriffsbildern zu üben. Greifen wir mal zu einem Klassiker dieser Kunst, zu E.T.A. Hoffmann. Er kannte ja seinen Gendarmenmarkt nicht nur aus der Souterrain-Perspektive von Lutter & Wegner, sondern auch aus Des Vetters Eckfenster am Platze. Von diesem aus – ein hübscher Kunstgriff – will er seinem imaginären Vetter die Kunst zu schauen beibringen. Er nennt’s die mannigfaltigste Szenerie des bürgerlichen Lebens, und mein Geist. . . entwirft eine Skizze nach der andern, deren Umrisse oft keck genug sind. Und so gibt der schreibende Vetter seinem zuhörenden Vetter eine köstliche Lektion, mit beiden Augen und hinreichender Fantasie zu schauen. Der Gendarmenmarkt war ja auch Marktplatz. Er könnte das doch wieder werden, wenn man mal nach Prag auf den Altstädter Ring schaute.

Auf den Markt am Maybachufer wirst du – vom U-Bahnhof Kottbusser Tor kommend – mit einem Vorspiel eingestimmt. Auf der Brücke über den Landwehrkanal haben Kinder und Greise – Türken beide – auf der Pflasterung ausgebreitet, was sie zu veräußern wünschen. Kinder ihr ausrangiertes Spielzeug, alte Frauen Häkelarbeiten, alte Männer alles Übrige. In den Budengassen sodann glänzen und leuchten die Früchte aus der Göttin Ceres Füllhorn. Das kennen wir. Hier wird entsprechend der vorherrschenden Kundschaft in türkischer Sprache angepriesen und ausgerufen, wobei das R im Euro rollt. Die Besonderheit hier ist jedoch das große Angebot an Stoffballen, an Kurzwaren, an alledem, was auf emsige Handarbeiten in türkischen Haushalten hinweist. Die Stoffe werden vom laufenden Meter mit einer Elle vermessen. Und schon als Kind wunderte ich mich, dass die Verkäuferin die Stoffbahn mit der Schere nur ein wenig anschnitt, um das weitere geradewegs ratschend zu trennen. Die Frage an die türkische Händlerin, wie sie denn die deutsche Elle oder den Zollstab benenne, beantwortete sie mit Meter. Das war, wie mir meine türkische Kollegin nach Rückfrage bei ihrer Mutter erklärte, die ins Deutsche übersetzte türkische Bezeichnung Metre, die das gültige Metermaß treffender bezeichnet als die hübsch veraltete Elle.

Auf dem Winterfeldt-Markt tritt stärker als am Maybachufer die plaudernde Belustigung an die Seite des reinen Kaufgesprächs. Die Händler spielen lustig mit. Es fliegen Anpreisungen durch die Luft - derzeit mit Schwerpunkt Spargel. Den deutsch-türkischen Preisgesang - auch hier rollt das R im Euro - unterlegt der Blumenhändler am Ende des Platzes mit seinem metallisch-sonoren Naa-jaaa! Die Männer suchten sich mit Rufen zu überbieten, was eine Händlerin dem Scheine nach störte. Sie fuhr schrill dazwischen: Det jeht nu schon den janzen Vormittach so, Ruhe im Saal! Stichwort für den Auftritt des Eiermanns, der nun von der Eierwarte aus die Freiheit des Marktes mit seinen Kollegen verteidigte. Man kann auf Märkten alle Sinne entfesseln, allem Unsinn einen Hintersinn abgewinnen. Und der Eiermann rief in diesen Gedanken hinein: Unsere Bauern legen die Eier selbst. Vorhang!

99 ZEILEN SCHWERK

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