Berlin : Wo Marlene gewindelt wurde

Lars von Törne

Verehrer von Marlene Dietrich mit einem Faible für extravagante Souvenirs konnten bis vor kurzem auf ein besonderes Erinnerungsstück hoffen. Vorausgesetzt, sie hatten mindestens 25 565 Euro übrig. So viel kostete die billigste von 18 Wohnungen eines Wohnhauses in der Schöneberger Leberstraße 65. Es ist das Geburtshaus von Marlene Dietrich. Heute sollten die Wohnungen zwangsversteigert werden. Gestern Nachmittag wurde die Auktion jedoch kurzfristig abgeblasen. Es hatte sich in letzter Minute ein Käufer gefunden, der alle Wohnungen als Paket für eine knappe Million Euro erworben hat. Dies teilte das zuständige Amtsgericht Schöneberg mit.

Äußerlich ein schlichtes, unscheinbares Wohnhaus, hat das Gebäude für Marlene-Freunde durchaus symbolische Bedeutung. Hier lebten vor 100 Jahren der kaiserliche Polizeioffizier Louis Dietrich und seine Frau Josefine. Am 27. Dezember 1901 kam ihre Tochter Maria Magdalene zur Welt. Damals lautete die Adresse des Hauses noch Sedanstraße 53. Im Erdgeschoss befand sich die Polizeiwache des Vaters - der allerdings kein besonders talentierter Ordnungshüter gewesen sein soll. In der Vorderhauswohnung in der ersten Etage verbrachte die kleine Marlene ihre ersten drei Lebensjahre. Dann zog die Familie mit ihren Dienstboten in die Kolonnenstraße um.

Bis vor kurzem, erzählt die Bewohnerin Karin Kleibel, hatte in der Leberstraße eine Frau gewohnt, die Familie Dietrich noch als Nachbarn erlebt hatte. Die Räume, in der der kleinen Dietrich einst die Windeln gewechselt wurden, waren beim jetzigen Verkauf allerdings nicht im Angebot gewesen. Nur rund die Hälfte der Wohnungen hätte unter den Hammer kommen sollen, sagt die Hausverwalterin Ricarda Horn. Seit eineinhalb Jahren verwaltet sie die Wohnungen zwangsweise. Im Juni 2000 waren 18 Wohnungen beschlagnahmt worden. Der bisherige Besitzer war in Geldnot geraten, sagt die Verwalterin.

Vor dem Haus erinnert heute nur eine kleine Tafel an die später so berühmte Bewohnerin. Der frühere Hausbesitzer ließ sie nach dem Tod der Dietrich 1992 anbringen. Ein Schritt mit ökonomischen Hintergedanken, wie Bewohnerin Karin Kleibel erzählt. Der Besitzer wollte das Haus verkaufen und hoffte auf eine Preis treibende Wirkung des Dietrich-Mythos, vermutet sie. Davon habe sich in der Goldgräberstimmung der frühen 90er Jahre auch jener Käufer "foppen" lassen, dessen Wohnungen jetzt zwangsweise einen neuen Besitzer fanden.

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