Berlin : Wo schlägt das Herz in Mitte?

Alle Direktkandidaten setzen auf Bürgernähe, denn der City-Bezirk hat die meisten Sozialhilfeempfänger Berlins

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Von Stefan Jacobs

Was haben die Parteien vor vier Jahren für Klimmzüge unternommen, um Berlins Mitte zu erobern! Vor allem die SPD mit ihrem Direktkandidaten Wolfgang Thierse und die PDS mit Petra Pau. Es ging auch ums Grundsätzliche; um die Frage, ob die Sozialisten das Herz der Hauptstadt überhaupt erobern dürften. Nach einem Wahlkampf, in dem kein Schrebergartenlokal zu klein war, um dort zu trommeln, gewann Petra Pau das Mandat mit einem Vorsprung von 283 Erststimmen oder 0,2 Prozent. Das war 1998 im Wahlkreis Mitte-Prenzlauer Berg.

Während in der Ost-City die Wahlkampfmaschine noch auf der Zielgeraden röhrte, holte im benachbarten Wahlkreis Tiergarten-Wedding-Charlottenburg (Nord) der Sozialdemokrat Jörg-Otto Spiller als Titelverteidiger fast geräuschlos die Hälfte der Stimmen. Und das Ergebnis der PDS fand bequem in der Rubrik „Sonstige“ Platz.

Mit der Neuordnung der Wahlkreise ging ein Ruck durch die City: Mitte, Tiergarten und Wedding wurden zusammengelegt, und außer der erneuten Kandidatur von Spiller ist nichts geblieben, wie es war. Mitte symbolisiert stärker denn je das wiedervereinigte Deutschland mit all seinen Facetten: Reichstag und Kanzleramt gehören ebenso in den Bezirk wie der ausgeweidete Palast der Republik und das Staatsratsgebäude am brach liegenden Schlossplatz.

Wirtschaftlich reicht das Spektrum von Sony, DaimlerChrysler und Bahn am Potsdamer Platz bis zu aufgegebenen Fabrikhallen von AEG und Osram in Wedding. Entsprechend groß ist das soziale Kontrastprogramm, auf dessen Sonnenseite gerade die Premium-Apartments im Beisheim-Center entstehen, während die Mischung in einigen Weddinger Wohnvierteln nach Einschätzung des CDU-Kandidaten Volker Liepelt „schon gekippt“ ist. Liepelt tritt in Mitte als Ersatz für den zu Jahresbeginn havarierten Eberhard Diepgen an. Für PDS und Bündnisgrüne stehen mit Stefan Liebich und Wolfgang Wieland zwei höchst unterschiedliche Prominente am Start, die allerdings beide in der Landespolitik groß geworden sind und dort auch gern bleiben würden. Für beide wäre nicht das Scheitern, sondern der Gewinn des Direktmandates eine Überraschung. Denn beide rechnen fest damit, dass Spiller es zum dritten Mal schafft. Wesentlich ambitionierter gibt sich Gabriele Heise von der FDP. „Ich sehe meine Chancen ganz gut“, sagt die Anwältin und verweist auf die Magie von „Projekt 18“. Allerdings hatten die Liberalen 1998 noch in beiden Alt-Wahlbezirken erhobenen Hauptes unter der Fünf-Prozent-Hürde durchgepasst.

Auch CDU-Urgestein Liepelt will sich nicht vorzeitig geschlagen geben. Er setzt auf Bürgernähe und hofft, von seiner tiefen Verwurzelung in Moabit zu profitieren. Allerdings hat er mit Spiller auch in diesem Punkt einen schweren Gegner, denn der Sozialdemokrat profitiert als einstiger Weddinger Bürgermeister von einem Heimvorteil gerade in den bevölkerungsreichsten Vierteln. Allerdings finden sich dort auch die größten Problemkieze. Herausforderer Liepelt verweist auf die „dramatische Integrationsproblematik“ und einen Ausländeranteil von 55 Prozent im Soldiner Kiez.

Die Probleme von Wedding und Teilen Tiergartens werden inzwischen von keiner Partei mehr bestritten. Bürgermeister Joachim Zeller (CDU) verweist auf 30 000 gemeldete Arbeitslose allein in diesen Ortsteilen – und hütet sich vor Optimismus, weil vor allem Arbeiter betroffen sind, für die es seit dem Niedergang der Industrie einfach keine Jobs mehr gibt. Die Arbeitslosenquote lag in Mitte im August bei 19,6 Prozent. Zeller erwartet, dass der künftige Direktkandidat aus Mitte sich um Weiterbildungen, Umschulungen oder das „Parken in ABM-Strukturen“ bemüht. „Sonst stürzen diese Menschen auch noch in die Sozialhilfe. Wir brauchen hier andere Konzepte als auf dem platten Land.“ Mit seinen mehr als 40 000 Sozialhilfeempfängern bei 320 000 Einwohnern hat der City-Bezirk den traurigen Rekord von Neukölln inzwischen überboten.

In der Serie über die Wahlkreise und ihre Direktkandidaten erschienen bislang Beiträge über den Wahlkreis 80 (1. September), 82 (2. September), 78 (3. September), 79 (4. September) und 81 (6. September).

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