Berlin : Wo sich Bürgerwille durchsetzte

NAME

Mir war nach Stadtflucht zumute, einer kleinen Landpartie dorthin, wo Berlin kein Dorf ist, wohl aber mit Landwirtschaft mehr zu tun hat als manch ein bäuerlich verödetes Dorf. Ich radelte also nach Zehlendorf zur Domäne Dahlem. Sie ist ein agrarhistorisches Freilichtmuseum mit U-Bahnanschluss. Allein das macht diese Domäne zu einer Einmaligkeit. Sie ist aber viel mehr. Sie ist neuerdings sogar einer von ungefähr 200 Demonstrationsbetrieben, der in einem Bundesprogramm für ökologischen Landbau gefördert wird. Ein Muster für Rückbesinnung aufs unvergiftete Lebensmittel. Insofern stehen wir hier vor einem hochmodernen Museum unter freiem Himmel mit Acker- und Gartenbau auf ungefähr zehn Hektar, mit einer artgerechten Nutztierhaltung, die Respekt vor der Kreatur hat. Und all das hat vor einem viertel Jahrhundert mit einem für Zehlendorf typischen Bürgerwillen begonnen, der politische Absichten brach. Das ist für mich das Wichtigste. Es stand nämlich bedrohlich um die vom Senat aufgegebene Domäne, um ihr Herrenhaus mit Anteilen aus dem 14. Jahrhundert, um Stallungen und ein ohnehin längst verstümmeltes Feld. Die Austeilung der nicht pasteurisierten, also peinlichst behandelten Domänen-Vorzugsmilch von Fuhrwerken herab war bei den Zehlendorfern derart beliebt, dass die Abschaffung dieses Vorzugs Stürme der Entrüstung bewirkte.

Der Senat wollte die Domäne ganz an die Freie Universität abtreten. Dann war jahrelang von einem FU-Sportzentrum die Rede, dann von Stadtvillen schließlich dort, wo bis zur deutschen Vereinigung die Amerikaner mit Sendemasten Feldherren waren. Die anfangs kaum drei Dutzend Bürger, die ein landwirtschaftliches Freilichtmuseum mit aussterbendem Handwerk verknüpften, die genau wussten, was sie wollten, standen den Kampf auf dem Domänenfeld wacker durch. Ich hatte damals bei aller Bewunderung wenig Zutrauen ins Gelingen dieses Kampfes. Es waren Jahre, in denen mancherlei Bürgerwille Wurzeln in den seit 1968 aufgelockerten Berliner Boden trieb. Ich nenne neben der Domäne Dahlem Synanon, das inzwischen längst ein vielfältiges Unternehmen geworden ist und in einem Hinterhof der Kreuzberger Oranienstraße zur Rettung von Drogensüchtigen begonnen hatte. Daran dachte ich, als ich mich auf anlehmigen bis lehmigen Sand dieses Stückchens Berlins setzte, zwischen eine Koppel für robuste, speckstarke Deutsche Sattelschweine und ein Feld mit historischem schwarzen Emmer, einer alten Weizenart. Jetzt blähte ein Lüftchen jenen verschlissenen Mantel der Geschichte, wehte mir ein Geschnatter vom anderen Feldrand herüber, und ich glaubte, es könnten die auf einem Erklärschild genannten Indischen Laufenten sein, die sich gegen die Schneckenplage nützlich machen. Es waren aber zwei Frauen, die am Rande des prächtig in Blüte stehenden Gartenfeldes schwätzten. Der Wind ein Schelm.

Von anderer Seite bewegte sich auf kurzen Beinchen ein Pulk betreuter Kinder, alle kaum der Windelhose entwöhnt, heran. War das ein Zwitschern bei jeder Entdeckung und sei es eines Würmchens in der Regenpfütze. In solchem Naturraum finden ganz kleine Großstadtkinder, was sich ihnen am nächsten abspielt, worüber wir Erwachsene hinweggehen. Hier können Kinder gefahrlos im Schutze von Mutter Grün herumtapsen. Ihnen ist ein Würmchen in der Regenpfütze gleichermaßen bemerkenswert wie das Schaf, das Schwein, die Kuh und das Pferd im agrarhistorischen Freilandmuseum mit U-Bahnanschluss der Linie1. Später sah ich die kleine Bande auf dem Hof beim Imbiss und Öko-Laden, ein jedes mit einem Würstchen aus Domänen-Herstellung in der Faust. Sie stärkten sich nach der Feldwanderung mit dem, was der Acker den Menschen hergab, der Mensch den Tieren fütterte, die – und sei es als Würstchen – ihm dankten.

99 ZEILEN SCHWERK

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben