Berlin : Wo sich Religion in der Sprache versteckt Birthler in Katholischer Akademie

Anna Bilger

SONNTAGS UM ZEHN

Herrje. Verdammt noch mal. Um Gottes willen. Zwar finden sich allerhand religiöse Zeichen und Worte in unserer Sprache wieder. Dennoch versteht sich unsere Gesellschaft als säkular. Ist das Sprechen über Gott in dieser säkularen Gesellschaft überhaupt möglich, erforderlich, erlaubt? Dieser Frage widmete sich die Podiumsdiskussion „Um Gottes willen! Religiöses Sprechen in der säkularen Öffentlichkeit“ in der Katholischen Akademie Berlin am Sonntag. Zu Gast aus eher weltlich politischem Umfeld: Marianne Birthler, die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes der DDR. Neben Birthler diskutierten Dietmar Mieth, Professor für Theologische Ethik aus Tübingen, Christoph Türcke, Professor für Philosophie aus Leipzig, und Matthias Drobinski, Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ aus München.

Christoph Türcke hält eine Diskussion um religiöses Sprechen für nötig, weil es keinen „absolut autarken Atheismus“ gebe. Und weil das Wegschneiden von Theologie aus der Öffentlichkeit ein Verdrängungsprozess sei. „Wir verhalten uns zur Theologie wie Erwachsene zur Kindheit. Niemand kommt davon vollständig los.“

Also hat auch eine staatliche Behörde etwas mit religiöser Sprache zu tun? Marianne Birthler sieht jedenfalls Verknüpfungen zwischen ihrer Funktion als Bundesbeauftragte und religiösem Sprechen. Da seien einmal die Themen Schuld und Sühne, und auch „im Umgang mit Vergangenheit, Geschichte und Verantwortung“ erkenne sie immer wieder Geschichten und Bilder aus der Bibel wieder. „Der Mut des Volkes Israel, über ihren Helden David nicht die schändlichen Geschichten ausgespart zu haben“ sei eine dieser Verknüpfungen.

Die 1948 in Berlin geborene Birthler absolvierte eine fünfjährige Ausbildung als Katechetin und Gemeindehelferin und war ab 1982 in der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit im Prenzlauer Berg, dann im Berliner Stadtjugendpfarramt tätig. Diese Zeit in der DDR ist für Birthler ein weiterer, ein persönlicher Anknüpfungspunkt. Viele Menschen seien zur Kirche gekommen, obwohl sie überhaupt keine religiösen Reden wollten. Das geltende Gruppenbildungsverbot ließ die Kirche zur Anlaufstelle werden. „Die Kirche sollte öffentlichen Raum herstellen, weil es keinen gab.“ Da hätte man den Menschen zumuten müssen, sich auf die religiöse Sprache einzulassen. Und sich selbst zugemutet, sich zu vergegenwärtigen, mit wem man es zu tun habe.

Für die Stasiunterlagen-Beauftragte liegt es immer wieder nahe, den Vorrat religiöser Zeichen und Bilder zu nutzen. Beispielsweise in der immer wieder aufkommenden Debatte, ob nicht ein Strich unter die Vergangenheit gezogen und vergeben werden könne. „Es ist dann auch eine didaktische Hilfe, Menschen als Christen anzusprechen“, sagt Marianne Birthler. Und daran zu erinnern, dass Vergebung das Bekenntnis der Schuld voraussetze. Im Umgang mit religiöser Sprache und dem Vorrat religiöser Zeichen fordert Birthler mehr Selbstbewusstsein von Religion und Theologie. Der Diskurs um religiöses Sprechen werde zu ängstlich geführt. „Da können wir mehr Gelassenheit vertragen.“

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