Berlin : Wo sich Wolf und Bär Gute Nacht sagen

Der Zoologische Garten erprobt eine riskante Wohngemeinschaft – zur Sicherheit gibt es Fluchtwege

Heidemarie Mazuhn

Die riesige Bärin versucht nur kurz, nach dem weißen Wolf zu schnappen, der da plötzlich vor ihr auftaucht. Als ob sich die Mühe nicht lohne, trollt sie sich wieder ins Gebüsch. Da kommt aus einer Felshöhle noch eine Bärin angetapst. Jetzt hat der ungebetene Gast schlechtere Karten. Von zwei Braunbären in die Zange genommen, wird die Lage für den Wolf jetzt äußerst brenzlig. Schafft er es zu der rettenden Felsspalte, die als Durchgang für die dicken Petze zu eng ist, oder fällt er deren Pranken zum Opfer?

Sekunden später atmen die Zuschauer des tierischen Spektakels erleichtert auf – der Kanadische Wolf hat es geschafft. In einem trägen Moment der beiden sich jetzt wieder uninteressiert gebenden Bären entwischt er. Auf der anderen Seite der Felsspalte erwartet ihn sein Rudel. Laut und in den höchsten Tönen fiepend hatte die achtköpfige Wolfsfamilie schon die ganze Zeit über den Alleingänger auf der anderen Seite vor der drohenden braunen Gefahr gewarnt.

Spannungsgeladene Begegnungen wie diese sind in freier Wildbahn selten, in Berlin sind sie neuerdings alltäglich. Im Zoologischen Garten sollen sich, wie berichtet, Bär und Wolf in einer Wohngemeinschaft einrichten. Gegenüber dem Kinderspielplatz entstand dafür aus vier Gehegen eine zweigeteilte Anlage, deren Mittelpunkt der Bärenfelsen bildet. Ein verstorbener Zoo-Stammgast ermöglichte mit seinem Testament den 1,1 Millionen Euro teuren Bau des WG-Projekts.

Bis die Braunbären „Bernie“, „Petzi“ und „Siddy“ sich mit den wölfischen Kanadiern aber Tag und Nacht das Gelände mit Wasserfall, Felsen und einem Teich teilen, in dem sie später auch Fische fangen sollen, müssen sie sich jetzt erst mal riechen können. In freier Wildbahn rücken sie sich eher nicht auf den Pelz. Was nicht heißen soll, dass sie sich nie ans Fell gehen.

„Wir lassen die Tiere bei ihren täglichen Zusammenkünften nicht aus den Augen“, sagt der Zoologe Ragnar Kühne. Necken und gegenseitig jagen aber ist erwünscht, verschafft den Tieren diese Bewegung doch ein abwechslungsreicheres Zoo-Leben. Bis sich die europäischen Braunbären mit den Kanadischen Wölfen in friedlicher Koexistenz das Gelände endgültig teilen, können sich die Wölfe noch zurückziehen, wenn ihnen die Nähe zu den braunen Mitbewohnern zu gefährlich wird. Als täglicher Besuchs- und möglicher Fluchtweg zugleich dienen ihnen eine Brücke und zwei Felstunnel – alles so schmal, dass kein Bär sich durchquetschen kann.

An diesem Tag zeigt keine Seite so richtiges Interesse. Das Wolfsrudel hat sich friedlich auf einer Anhöhe formiert – die Bären auf der anderen Seite ziehen sich faul wieder in ihre Höhlen zurück. Zuvor gibt es aber doch noch kurz gefährlich bleckende Raubtierzähne zu sehen – „Petzi“ und „Siddy“ fauchen sich plötzlich wütend gegenseitig an. „Weiber“, sagt ein Besucher auf der anderen Seite des Wassergrabens.

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