Berlin : Wo sie noch ganz große Räder drehen

An der alten Fabrik steht zwar AEG – aber inzwischen gehört das Turbinenwerk Siemens. Ein Besuch zum 100sten

Andreas Conrad

„Die Leute an der linken Seite bitte wieder in die Reihe treten, die Linie läuft sonst schief.“ Gar nicht so einfach, wie eine Eins dazustehen. Aber der Fotograf, per mobilem Lift über die Huttenstraße gehoben, dirigiert akkurat und mit scharfem Blick. Dort schimmert noch ein weißes Klebeband durch die Reihen der Siemens-Mitarbeiter, und „die Personen hinten“, so mahnt er, „dürfen sich jetzt bitte nicht gemütlich hinsetzen“.

Rund 2000 Leute arbeiten im alten Turbinenwerk in Moabit, das sind einfach zu viele, um auf der eigens gesperrten Kreuzung aus Hutten-, Berlichingen- und Reuchlinstraße eine 100 zu formen, und so gibt es über der imposanten Zahl gleich noch einen Jubiläumsbalken, auf dass niemand sich ausgeschlossen fühle. Am 27. Februar 1904 fusionierten die Allgemeine Eletricitäts-Gesellschaft (AEG) und die Union Elektrizitätsgesellschaft zur Allgemeinen Dampfturbinen-Gesellschaft – die Geburtsstunde des noch heute erfolgreich arbeitenden Turbinenwerks. Groß gefeiert wird das am 28. August, aber gestern wurden die Mitarbeiter schon zum Fototermin vor der berühmten, denkmalgeschützten Turbinenhalle von Peter Behrens gerufen.

Sorgen um den Arbeitsplatz muss sich hier niemand machen, auch die aktuelle Diskussion um längere Arbeitszeit ist offenbar kein Thema. „Wir haben gemeinsam mit der Leitung genügend Wege für flexible Lösungen gefunden“, umschreibt es Klaus-Dieter Förster, der Betriebsratsvorsitzende, der angesichts der Auslastung des Werks beruhigt in die Zukunft blickt. 35 Jahre ist er selbst schon dabei, sein Vater hatte 42 Jahre an der Huttenstraße gearbeitet – Treue zum Arbeitsplatz scheint hier in Moabit noch üblich.

Auch Ulf-Dieter Finke, der in der Eins ganz vorne stand, ist immerhin schon 28 Jahre dabei, wurde jetzt 60 und geht in den Vorruhestand. Als gelernter Maschinenschlosser – Ungelernte gibt es in dem hochspezialisierten Betrieb sowieso kaum noch welche – arbeitet er in der Endmontage, schraubt also die Komponenten der Turbinen zusammen. Das sind riesige Stromproduzenten, über zehn Meter lang, fünf Meter im Durchmesser, 300 Tonnen schwer, von der Größe eines Busses und mehr, ein Monsterblock aus Turbine für Gas oder Öl plus Generator, angehängt oft noch eine Dampfturbine, um die Abgaswärme zu nutzen. Absatzmarkt: global.

Finke beispielsweise hat schon Dienstreisen nach Südafrika oder Finnland absolviert, ferneZiele, die sein Kollege Sven Bitteroff noch vor sich hat. Er kam 1998 zum Unternehmen, lernte drei Jahre lang, wurde dann als Facharbeiter, ebenfalls in der Endmontage, übernommen. Zufrieden mit ihrer Arbeitsstätte? Na klar. Gemeckert werde zwar jeden Tag, er mache da keine Ausnahme, erzählt Finke. Letztlich seien das aber Kleinigkeiten.

Auch einen längst ausgeschiedenen Veteranen hatte der Fototermin angelockt, die ehemaligen Kollegen begrüßten ihn herzlich. Bis 1985 hatte Hans Bohn an der Huttenstraße gearbeitet, als er in den Fünfzigern anfing, zunächst Fahrer von Elektrokarren, dann von Staplern, war der Hof noch voller Schlaglöcher gewesen. Das in Verbindung mit den Vollgummirädern ging mächtig auf die Knochen. Geblieben ist Bohn trotzdem 35 Jahre.

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