Berlin : Wo tanzen sie denn? (Glosse)

Andreas Conrad

Das Leben eines Bonner Prominenten, so stellen wir uns vor, glich ein wenig dem traurigen Schicksal des Hasen, der sich mit dem Igel auf einen Wettlauf einließ. Welche Kneipentür er auch öffnete, zu welcher Premiere er seinen Schritte lenkte, welchen Ball er mit seiner Anwesenheit zu beehren unternahm - immer waren schon zahllose andere, genau betrachtet immer dieselben Igel da, grüne, schwarze, rote, gelbe, grüne, und trompeteten ihm ein fröhliches "Ick bünn allhier" entgegen. Die uneingestandene, doch kaum zu leugnende Sorge vieler rheinischer Partylöwen, sie könnten in Berlin endgültig versumpfen, schien nur zu verständlich, ja, man sollte, solange diese Generation noch halbwegs bei Kräften ist, doch einmal genauer untersuchen lassen, ob nicht hier die Hauptursache für anfängliche Berlin-Aversionen zu finden war.

Wohlgemerkt: War! Das Tempus ist mit Bedacht gewählt, denn das dürfte mittlerweile der letzte Hinterbänkler begriffen haben, dass seine Sorgen bezüglich sprunghaft steigender gesellschaftlicher Verpflichtungen mit all ihren verheerenden Folgen für Geldbeutel, Familienfrieden und die Leberwerte ganz und gar aus der Luft gegriffen waren. Ja, gerade im aufgeheizten Hauptstadt-Klima ist es möglich, unterzutauchen und in Ruhe seinen Rasen zu maniküren oder mit der Gemahlin vorm Kamin dem letzten Scheit beim Verglühen zuzuschauen.

Gewiß, wer will, der kann sich jetzt wie der Märchen-Hase ruinieren, kann von Party zu Party hoppeln, immer von Blitzlichtgewittern und vollen Gläsern empfangen, bald schon hohläugig, bleichgesichtig, reif für Davos. Der schlaue Igel macht es anders, und gerade das vergangene Wochenende mit seinem Event-Doppelwhopper von Presseball und Tabori-Premiere im wiedereröffneten Berliner Ensemble schien anzudeuten, dass die Ohne-Michels auf dem Vormarsch sind. Bei beiden Veranstaltungen war ein gewisser Mangel an Prominenz festzustellen. Da liegt der Verdacht nicht ganz fern, das jeweils konkurrierende Großereignis des Tages könnte zunehmend als Carte blanche für gänzliches Fernbleiben herhalten. Schon zeigen Überzeugungshauptstädter erste Anzeichen von Panik: Stell dir vor, es ist Party, und keiner geht hin.

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