Berlin : Wo wahre Süße blüht

Das sind die 20 besten Bars der Stadt 2004: Ganz vorn steht diesmal das CSA, es folgen Victoria Bar, Windhorst und Green Door

Frank Jansen

In Krisenzeiten wie diesen erscheint es fast schon makaber, die Stätten des nicht ganz so preiswerten Trinkgenusses zu preisen. Schnell gerät man in den Verdacht, ein elitärer Besserverdiener zu sein, der mit lautem „Hartz-Hartz-hurra“ den fünften Champagnercocktail ordert. Die Wahrheit sieht natürlich ganz anders aus – elegant drinking ist nichts für neureiche Krisengewinnler. Genauso wenig passt es zu ihren verbiesterten Kontrahenten, die einen Cocktail nur in Kombination mit dem Namen Molotow zu definieren wissen. Wenden wir uns lieber den Trinkstätten zu, die in diesem Jahr Berlin um einen nicht ganz unwesentlichen Part metropolitaner Kultur bereichert haben. Gerührt wie geschüttelt.

Das schönste Etablissement ist momentan die CSA-Bar . Das 50er-Jahre-Design des Hauptbüros der Fluglinie „Ceskoslovenske Aerolinie“ kündet im Stil repräsentativer Moderne von sozialistischem Fernweh. Als besondere Errungenschaft werden Würfeltische mit eingebauten Drehaschern präsentiert, deren Scheibe den unschönen Abfall einer Rauchware hinwegkreiselt. Empfehlenswert ist der Brandy Alexander, den markigen Mai Tai sollten nur robuste Naturen ordern.

Auf den nächsten Plätzen folgen die drei Klassiker des elegant drinking in der Stadt. Victoria Bar , Windhorst und Green Door sind längst Institutionen. Sie verkörpern seit Jahren den Cocktail-Standard, an dem sich andere Bars messen lassen müssen. Der drinking man verneigt sich.

Eine hübsche Entdeckung war in diesem Jahr das Shima , eine leicht ironisch möblierte Kolonialexotik – man sitzt auf imitierten Ozelotfellen. Und genießt einen wunderbaren WodkaTai. Kein Newcomer, aber wieder erheblich besser im Spiel ist das Riva . Nach einigen Turbulenzen ist das bunte S-Bahnbogengewölbe von neuem eine der Top-Adressen in Mitte.

Und dann gibt es ihn endlich, den ultimativen Tresen Berlins. Er steht im Goldfisch (nicht zu verwechseln mit dem püffigen „Goldfish“ in Tiergarten) und prunkt mit einer weißledernen Wulst à l’américaine für den ruhebedürftigen Ellbogen. Superb. Ein Vorbild. Da wirft einen selbst El Niño (3 Jahre alter Havana Club, Crème de Cassis, 73-prozentiger Captain Morgan Rum, Grenadine, Lime Juice, Zitronen-, Orangen- und Ananassaft) nicht vom Hocker.

Noch eine grandiose Entdeckung ist der Tabou Tiki Room , ein schrilles Südseeparadies im sonst freudlosen Neukölln. Im Tabou Tiki Room gibt’s handfesten Aloha-Rumble samt drinks’n’bands. Ebenfalls neu, aber vergleichsweise ruhig und sehr ambitioniert, präsentiert sich das Salz . Im einstigen Lore-Keller werden jetzt Köstlichkeiten wie die Eigenkreation Unberührt (Weißer Schokoladenlikör, Preiselbeersaft, Sahne) serviert. Dazu gibt’s weiße Schokoladentrüffel. Im Salz blüht wahre Süße.

Kommen wir zum Hecht Club , der sich als die Sommerbar in Prenzlauer Berg etabliert hat. Immer wieder schön: oben von der Terrasse herab mit einem Gin Tai das Volk im Prater-Biergarten zu analysieren. Interessante Studien der jungakademischen Kreuzberger drinking crowd kann man im Würgeengel betreiben. Diese Bar ist eine der liebenswertesten in der Stadt – warmes Plüschdesign, angenehmes Publikum, tolle Drinks. Ähnlich fällt das Urteil über die Haifischbar aus, die gleichfalls in Kreuzberg residiert. Hier gibt’s zudem noch leckere Sushi. Wer nicht mindestens drei Stunden bleibt, sollte sich auf eine Fisch- oder Cocktailallergie untersuchen lassen.

Ein Juwel des Ostens ist die Saphire Bar . In stilvollem Seventies-Ambiente werden üppig komponierte Cocktails gereicht. Nahezu kongenial erscheint die „bar di notte“ namens Fluido , auch in Prenzlauer Berg gelegen. Diese beiden Lokale sind, zusammen mit der CSA-Bar, in dem sonst fast nur von Billigtränken durchzogenen Stadtviertel die (hoffentlich ewigen) Bastionen des elegant drinking.

Eine solche Hochburg ist in Wilmersdorf die Bar Zur Weißen Maus . In dem gruftartigen Lokal mit einem Hauch Zwanziger-Jahre-Dekadenz wird ein immerguter Planter’s Punch serviert. Eher experimentell, mit einer hispanophilen Note, gibt sich die Jansen Bar (neeeiiin, sie ist nicht das Privatlabor des drinking man). Hier trinkt eine quirlige Jungmenschenmenge farbenprächtige Cocktails aus Gläsern, die ihrer Größe nach ganze Goldfischsippen beherbergen könnten.

Und nun verneigt sich der drinking man erneut. Vor dem Grandseigneur der Berliner Barszene, Rudolf van der Lak. Bald ist er 85 Jahre alt und seit fast einem halben Jahrhundert betreibt er die Galerie Bremer mit dem entzückend patinösen Hinterzimmerlokal. In dem ein abgeschabter Tresen samt armrail und footrail steht. Es gehe ihm nicht gut, hat van der Lak dieser Tage gesagt, aber gottlob hat der Mann mit dem weißen Bart gleich wieder markant gelacht, klack, klack, klack. Sollte der Altmeister jemals von uns gehen, hat er ein Denkmal verdient.

Wer in einem 30er-Jahre-Ambiente trinken möchte – natürlich streng antifaschistisch – wird sich im Reingold wohlfühlen. Am Ende des langen, geraden Art-déco-Palasts sind Klaus und Erika Mann porträtiert, handgemalt auf den zu einer Art Leinwand zusammengeklebten Seiten des Romans „Mephisto“. Weniger poetisch geht es in der Lola Lounge zu, dafür prunkt sie mit einer weitflächig-verwinkelten Bar-und-Restaurant-Landschaft. Ein Tipp: Zu probieren wäre der Bombay Crushed (Bombay Sapphire, Limettensaft, Rohrzucker, Kumquats).

Wer 19 Bars überlebt hat und sich nun nach einem chill out sehnt, ein wenig gediegen und garantiert ruhig, kann im Hotel Madison das Qiu ansteuern. Bei sanft ausgesteuertem Clubculturesound huschen freundliche Geister herbei und bringen einen Hemingway Sour (Beefeater Gin, Zitrone, Grenadine), einen Mai Tai, einen . . . Die Paare sinken immer tiefer in die weinroten Polster, der Winter, der Lärm, der böse Hartz verflüchtigen sich. Bitte nicht stören. Der drinking man verabschiedet sich.

Diesmal mit einem halblauten SKOL.

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