Wochenmärkte in Berlin : Wie kleine Kieze im Kiez

In Zehlendorf? Nur Comté! Am Arkonaplatz? Wein bis zum Abend! Berlins Wochenmärkte sind so unterschiedlich wie ihre Kieze – und im Herbst besonders bunt.

Stella Marie Hombach
Markt der Möglichkeiten. Georg Weishäupl bevorzugt den Schillermarkt in Neukölln – obwohl er hochwertigen Käse aus der Schweiz anbietet. Foto: Mike Wolff
Markt der Möglichkeiten. Georg Weishäupl bevorzugt den Schillermarkt in Neukölln – obwohl er hochwertigen Käse aus der Schweiz...Foto: Mike Wolff

Am Südstern riecht es nach Käse. Das kräftige Aroma eines Emmentalers mischt sich mit dem Duft nach frischem Brot vom Stand gegenüber. Es ist Markttag, 10 Uhr am Sonnabend. Georg Weishäupl ist gerade erst fertig mit dem Auslegen seiner Ware, noch ist hier nicht viel los, doch bald wird sich das ändern. Eine ältere Frau mit Hut schlendert vorbei, bleibt stehen und rümpft die Nase. Sie lokalisiert die Gerüche, dreht sich um und entdeckt den Käse. Weishäupl lächelt und reicht ihr ein Stück Greyerzer zum Probieren. Daraus entsteht ein lockerer Plausch, mehr Unterhaltung als Verkaufsgespräch. Schließlich wickelt er den Greyerzer für sie ein.

In Zehlendorf, sagt Weishäupl, hätte das vielleicht nicht geklappt. Dort kaufe der typische Bildungsbürger, „der mit seinem Feuilletonwissen ganz genau weiß, was er will“. Comté muss es sein und nicht Emmentaler, einfach weil es besser klingt. Am Kreuzberger Südstern oder dem Schillermarkt in Neukölln sei die Atmosphäre viel lockerer und die Menschen eher bereit, etwas Neues auszuprobieren. Ein guter, traditionell hergestellter Emmentaler kann tausendmal feiner sein als ein Biocomté aus der Feinkostabteilung, sagt Weishäupl. „Viele sind überrascht über den Geschmack, über die Explosion, die ein einfacher Käse im Mund haben kann.“

Zeig mir deinen Markt und ich sag dir, wer du bist. Die Wochenmärkte der Stadt sind wie kleine Kieze im Kiez. Die große Stadt, ganz klein.

Auf dem Schillermarkt gibt´s kein Gedränge

Seit gut fünf Jahren lebt Georg Weishäupl in Berlin und verkauft den Käse seiner Heimatregion. Alle Sorten sind traditionell hergestellt und basieren auf dem Konzept der natürlichen Weidefütterung. Die Produzenten kennt Weishäupl alle persönlich. Angefangen hat er in Zehlendorf. Als er seinen Kollegen dort erzählte, dass er zum Schillermarkt nach Neukölln wolle, sagten die: „Geh da bloß nicht hin.“ Sie vermuteten, dass er dort seinen Käse nicht loswerden würde. Heute ist der Neuköllner Markt sein Liebling. Auf dem Schillerplatz geht es ruhiger zu, es gibt kein Gedränge und Geschiebe. Das Publikum sei jünger und bunter als in Zehlendorf, sagt er.

Vor einigen Monaten hat Weishäupl einen Laden in der Neuköllner Weichselstraße eröffnet. Seitdem steht er öfter auch hinter seiner witterungsgeschützten Theke, um die ihn einige seiner Kollegen beneiden, jetzt wo die Tage wieder kälter werden. Weishäupl aber bevorzugt trotzdem den Markt. Zwischen den Ständen fühlt er sich am wohlsten. Hier vermischen sich die Gerüche, die Menschen plaudern, und er ist mitten im Geschehen. „Den direktesten Kontakt zum Kunden gibt es auf dem Markt“, sagt er.

Nadine Knolli verkauft ihre Kartoffeln und Äpfel am liebsten auf dem Winterfeldplatz in Schöneberg. Foto: Vincent Schlenner
Nadine Knolli verkauft ihre Kartoffeln und Äpfel am liebsten auf dem Winterfeldplatz in Schöneberg.Foto: Vincent Schlenner

Nadine Knolli geht das genauso. „Draußen im Freien verkauft es sich einfach am besten“, sagt sie. „Hier ist immer was los, die Atmosphäre ist lebendig“, sagt Knolli und zieht dabei den Reißverschluss ihrer Fleecejacke ein Stück höher. Gerade morgens ist es jetzt schon kalt, doch sonnige Herbsttage sind schöne Markttage. Denn nun ist Erntedankzeit mit viel buntem Obst und Gemüse, und manch einer freut sich schon auf die ersten Röstkastanien und den Geruch von Glühwein.

Auf dem Winterfeldplatz ist das Publikum bunt

Knolli bevorzugt den Markt auf dem Winterfeldplatz in Schöneberg. Auch hier ist das Publikum vielfältig und bunt. Junge und Alte mischen sich, Touristen und Berliner, Schwule, Lesben, Heteros. Es ist früher Nachmittag, die Leute bummeln. An den Ständen haben sich Schlangen gebildet. Seit gut zehn Jahren verkauft Nadine Knolli auf verschiedenen Märkten brandenburgische Äpfel und Kartoffeln aus Heide und Pfalz. Ihr Angebot ist klein und wechselt nach Saison. Jeder Boden sorgt für seinen eigenen Geschmack, sagt sie. Die festkochende Annabell aus der Pfalz schmeckt anders als die aus der Heide. Während Knolli erzählt, kommt ein kleines Mädchen an den Stand gelaufen. Ihre Zöpfe wippen. „Hast du meinen Pinova?“, fragt sie aufgeregt. Knolli muss sie enttäuschen. Die Saison des süßen Apfels beginnt erst in ein bis zwei Wochen. „80 Prozent der Menschen kenne ich“, sagt Knolli, und man merkt ihr an, wie wichtig ihr das ist.

Gerti Lichtenberger weiß das zu schätzen. Die Österreicherin lebt seit den siebziger Jahren in Berlin und zieht von Markt zu Markt. Sie liebt die Atmosphäre, lässt sich treiben. „Das Marktgefühl hat sich in den Jahren verändert“, sagt sie. Vor dreißig Jahren durften die Kunden die Ware noch anfassen. „Sie durften die Äpfel in die Hand nehmen und an ihnen riechen“, sagt Lichtenberger. Die Regularien der Gesundheitsämter und die Haltung der Händler haben das verändert. Heute wird der Kunde mit dem Sichtschutz vom Produkt ferngehalten, und die Ware soll nicht angefasst werden. „Früher waren die Märkte nicht nur natürlicher. Sie waren auch lebendiger“, sagt Lichtenberger. Heute gehe es oft weniger um das Produkt als um die perfekte Präsentation. „Auf dem Winterfeldplatz geht es schon fast zu wie im KaDeWe“, sagt sie und lacht.

Weishäupl sieht das ähnlich. „Ein guter Käse darf Ecken und Kanten haben“, sagt er. „Er muss nicht perfekt sein.“ Bei ihm steht die Ware im Mittelpunkt, nicht das Design. Ein Käse ist kein Modeaccessoire, sagt er. Gut schmecken soll er.

Das Auge isst mit oder die Ästhetik des Apfels

Anfassen darf man seinen Käse natürlich trotzdem nicht. Und wenn Nadine Knolli über ihre Äpfel spricht, fällt schon mal das Wort „Ästhetik“. Der Stand soll schön aussehen – und wenn jeder die Äpfel in die Hand nimmt und an ihnen herumdrückt, dann leide die Qualität.

Und auf die legen die Kunden auf dem Markt besonders großen Wert. Lichtenberger ist meist eine der ersten auf dem Markt. Morgens die Älteren, Mittags die Jüngeren, häufig Mittdreißiger – so verteilt sich auf vielen Märkten die Kundschaft. „In Berlin fängt das Leben später an“, das sagt Gerti Lichtenberger. In Wien bauten viele Märkte bereits um sechs Uhr morgens auf. In Berlin geht es kaum vor acht Uhr los, die meisten beginnen um zehn Uhr, der Marktrhythmus hat sich an den Lebenswandel angepasst: Statt nur bis 14 Uhr haben viele jetzt bis 18 Uhr geöffnet.

Am deutlichsten wird das am Arkonaplatz in Mitte. Freitag, 18 Uhr, Weishäupl beobachtet die jungen Familien, die vorbeiziehen, voll ist es noch, trotz der späten Stunde. In Neukölln wird zu dieser Zeit bereits abgebaut, doch hier hat der Verkauf erst um zwölf Uhr begonnen. Zum Feierabend bleiben die Leute gern länger und machen es sich mit einem Glas Wein gemütlich. Und essen dazu gern auch mal einen kräftigen Käse.

Eine Übersicht aller Wochenmärkte finden Sie auf www.mein-wochenmarkt.com/berlin

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