Wohin mit den vielen Paketen und Kisten? : Großspenden sind die neue Herausforderung

475 Pakete mit Jacken, 50 000 Kleidungsstücke. Von Spenden, die freuen, aber auch Probleme schaffen. Denn die geschenkten Waren müssen gelagert und sortiert werden, bevor man sie verteilen kann. In Berlin werden Hilfsorganisationen jetzt aktiv

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Die Arbeit nach dem Danke. Spenden müssen sortiert werden, dafür braucht man Platz, im Winter auch beheizten.
Die Arbeit nach dem Danke. Spenden müssen sortiert werden, dafür braucht man Platz, im Winter auch beheizten.Foto: picture alliance / dpa

Dass Firmen, die in Garagen gegründet werden, branchenoffen gute Chancen auf Erfolg haben, beweisen nicht nur Steve Jobs und Bill Gates, sondern am anderen Ende der Welt auch Henry Ngai. Bei ihm geht es nicht um PC, sondern um WC: Der Hongkongchinese gründete 1985 in seiner neuen Heimat Australien eine Toilettenpapierfirma, baute später eine eigene Fabrik und ist heute mit „ABC Tissue“ einer von Australiens größten Papiertuchherstellern, mehrfach ausgezeichnet für soziales Handeln.

Dieser Henry Ngai sah im Herbst 2015 Fernsehberichte darüber, wie herzlich Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof empfangen wurden. Er war entzückt und beschloss, mitzuhelfen. Als Folge jenes Impulses haben in dieser Woche freiwillige Helfer 475 Kartons mit je 20 Winterjacken in fünf Größen ins Obergeschoss des früheren „C&A“-Kaufhauses in der Karl-Marx-Straße geschleppt, in dem Flüchtlinge leben. 100 000 Jacken hat Ngai nach Deutschland geschickt, die von Hamburg aus verteilt werden.

„Super Jacken“, sagt Anne von Moltke, die mit dem im Gründung befindlichen Verein Zesaa die Verteilung der Ladung organisiert, die in Berlin angekommen ist. „Innen versehen mit ,Sponsored by ABC Tissue Products‘ und in jeder Kiste ein Zettel mit Dankesworten in Chinesisch an die Helfer.“ Und der Bitte, Fotos vom Verteilen zu schicken, die man zeigen wolle.

Anne von Moltke freut das, sie hofft, dass der PR-Coup weitere Großspender motiviert. Gerne für Unterwäsche. Die sei über Privatspenden besonders schwer zu bekommen.

Zwölf Tonnen Sachspenden kamen von den Eisbären

Zesaa versteht sich als Ansprechpartner für Großspenden, die vor allem platzmäßig eine Herausforderung sind, die viele Hilfsorganisationen nicht stemmen können. Im Moment wirbt Anne von Moltke um ein bisschen Unterstützung vom Senat. Derweil geht die Verteilung mithilfe ehrenamtlicher Helfer voran.

Dass Großspenden neben großer Freude große Probleme bedeuten können, erfahren auch andere Hilfsorganisationen. Bei der Berliner Stadtmission gingen gerade zwölf Tonnen Sachspenden von den Berliner Eisbären und deren Fans ein. Das muss alles sortiert und verteilt werden, dafür braucht es Platz. Die Stadtmission hat Lagerräume in den Wilmersdorfer Arcaden, die sie mietfrei nutzen kann. Für die Sortierung und den Transport der Stadtmissionsspenden ist – neben freiwilligen Helfern – die eigene Firma „Komm und Sieh“ zuständig, ein Integrationsbetrieb, in dem schwer vermittelbare Menschen Arbeit finden.

Dort war man zuletzt vor allem beschäftigt mit einer Großspende der japanischen Modefirma Uniqlo. Mehr als 50 000 Kleidungsstücke, vor allem Unterwäsche mit wärmender „Heat Tech“, was ein Riesenglück sei, wie Ana Lichtwer von „Komm und Sieh“ sagt. Außerdem sei Uniqlo so nett gewesen, den Lagerraum gleich noch mit zu stellen.

Eine Megaspende von Uniqlo und die Frage: Was kostet so etwas?

Die Großspende, die durch privates Engagement von zwei Berliner Uniqlo-Filialleitern zustande kam, soll nun aber auch die erste sein, die ausgewertet wird – unter der Fragestellung „Was kosten uns Spenden?“ Daran sei auch Uniqlo interessiert, sagt Ana Lichtwer. Ein gespendeter Kleiderhaufen sei ja zunächst noch nicht nützlich. Um daraus abrufbare Spenden zu machen, brauche es viele Arbeitsschritte. Die sollen ausgewertet werden, vom verfahrenen Benzin über die geleisteten Stunden ehrenamtlicher Arbeit, über den Kaffee zur Stärkung und die Planerstellung am Computer.

Da nicht jeder Großspender gleich eine Halle mitliefert, kennt auch Ana Lichtwer die Frage nach Lagermöglichkeiten – und die vielen Anrufe bei allen möglichen Adressen und die dauernden Absagen. Die Zesaa-Initiative kann sie darum nur begrüßen. Ana Lichtwer stellt sich für die Zukunft vor, dass die gemeinnützigen Player sich in dieser Frage vernetzen, sodass nicht länger jeder für sich sucht, sondern eine Art berlinweites Lagerflächennetzwerk entstehen kann. Auch die anderen Abläufe rund um Großspenden, wie die Sortierung – was ist mit Barcodes? –, möchte sie gerne professionalisieren und sucht dafür gerne Ratgeber, die sich mit Logistik und Mode auskennen.

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