Berlin : Wohlfühlfaktor Religion

Nicht nur am Heiligabend: Immer mehr Berliner treten in Kirchen ein. Sie sehnen sich nach Tradition

Claudia Keller

icht nur am Heiligabend: Immer mehr Berliner treten in Kirchen ein. Sie sehnen sich nach Tradition Wer Kirchensteuer zahlt, hat deshalb keinen Anspruch auf einen Platz in der ersten Kirchenbank. Das erlebten Berliner am Heiligabend, als sie vor dem überfüllten Dom abgewiesen wurden. Einige drohten prompt mit dem Kirchenaustritt. Domprediger Friedrich-Wilhelm Hünerbein musste gestern Briefe aufgebrachter Christen beantworten, die sich beschwerten, dass sie am Heiligabend nicht in den Berliner Dom hineinkamen. Sie hätten ja wohl ein Recht darauf, am Heiligabend im Berliner Dom einen Gottesdienst zu feiern, so die Absender, schließlich würden sie Kirchensteuer zahlen. Zur Strafe würden sie jetzt austreten. Das seien aber nur einige wenige, bei denen die enttäuschte weihnachtliche Kircheneuphorie in Empörung umschlage, sagte Hünerbein.

Bei immer mehr Berlinern hält die feiertäglich aufgeflammte Religiosität zumindest noch eine Woche an. Auch die Neujahrsgottesdienste seien von Jahr zu Jahr voller, sagte Markus Bräuer, der Sprecher der evangelischen Landeskirche. Wie es sich mit den religiösen Gefühlen danach, im Januar und Februar verhält, entzieht sich aber der Kenntnis der Statistiker. Ob Anfang des Jahres besonders viele Berliner in die Kirchen eintreten, lässt sich nicht nachvollziehen. Wohl aber, dass die Zahl der Eintritte stetig zunimmt und die der Austritte abnimmt. 1994 etwa verließen 22 000 Berliner die evangelische Kirche, 2005 waren es nur noch 5000. 2000 kamen im gleichen Zeitraum hinzu – und diese Tendenz hält an. Allein in die Gemeinde des Berliner Doms treten monatlich acht bis zehn neue Mitglieder ein. Für die katholische Kirche konnten sich vergangenes Jahr 200 Berliner neu begeistern.

Dass sich jedes Jahr mehr Menschen zum weihnachtlichen Kirchgang entschließen, führt Kirchensprecher Bräuer auf den besonderen Anlass zurück, auf die Traditionen, die damit verbunden sind und auf die melancholische Stimmung, die viele zu Weihnachten und zum Jahreswechsel überfalle. Viele fragten sich, was das letzte Jahr gebracht habe, wohin das neue führe. Der Gottesdienst werde dann zum „Wohlfühlfaktor“.

Aber auch die Auseinandersetzung mit dem Islam spiele eine immer größere Rolle, sagt Stefan Förner, Sprecher der katholische Kirche in Berlin. „Durch die Abgrenzung zum Islam fällt vielen wieder stärker auf, dass Weihnachten ja etwas mit unseren christlichen Wurzeln zu tun hat und dass diese etwas Bewahrenswertes sind.“ Auch, die die vor Jahren aus der Kirche ausgestiegen seien, würden jetzt wieder nach religiöser Identität fragen, nach der eigenen wie auch nach fremden Religionen, sagt Pfarrer Gottfried Brezger aus Lichterfelde-West. Auch sei ein neuer Trend zum Konservativen zu spüren, gerade bei jüngeren Leuten. Rituale würden wieder wichtig.

Ein Pfarrer aus Mitte berichtet, dass über die Kitas in seinem Kirchenkreis vermehrt junge Eltern in die Gottesdienste kämen, nicht nur zu Weihnachten. Bei bürgerlichen Familien zeige sich: Die wenigen Kinder würden umso mehr umsorgt, das Familienleben mit allem Drum und Dran zelebriert. Und dazu gehören das Beten vor dem Essen genauso wie die Bibelgeschichte vorm Einschlafen. Aber auch das Engagement in der Gemeinde nehme zu. „Vor einigen Jahren musste ich noch händeringend nach Mitgliedern für den Gemeindekirchenrat suchen“, sagte eine Pfarrerin, „heute kann ich auswählen.“

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